Eine Bemerkung vorab: Spätestens jetzt (auch im Rückblick auf die vorangegangenen Kunstepochen) muss man sich vergegenwärtigen, dass in der Kunst- und entsprechend in der Menschheitsgeschichte keine universelle und zeitlich kontinuierliche Entwicklung stattfand. Die Tendenz zur Vereinheitlichung ist erst heute zu beobachten: mit dem alles überformenden und beherrschenden Ökonomieprinzip geht ein fortschreitender Verlust an humaner Vielfalt einher. Das Leben wird platter und genormter. Die nun folgenden drei Kunstrichtungen des 19. Jahrhunderts sind keine gegen die anderen zeitlich abgegrenzten Epochen. Vielmehr überschneiden sie sich zeitlich oder sind gleichzeitig vorherrschend. Ernst Bloch prägte darauf bezogen die These von den „gleichzeitigen Ungleichzeitigkeiten“.
Die Jahre 1800 und 1914, die Anfang und Ende dieser Zeit markieren, sind Epochenschwellen. Dies gilt nicht bloß für die Kunst, sondern auch für die politische und soziale Entwicklung in den europäischen Gesellschaften. Künstlerisch steht am Beginn die radikale Kunsterneuerung der Romantik, das Ende wird durch den Ersten Weltkrieg markiert – wenn auch durch die künstlerischen Avantgarden des Expressionismus und der Abstraktion bereits einige Jahre zuvor eine Zäsur in der Kunstentwicklung erkennbar wurde.
Daneben war das gesamte 19. Jahrhundert in der Kunst, Literatur und Architektur geprägt vom Klassizismus, einer Stilepoche, in der die Nachahmung des klassischen Altertums zum Programm erhoben wurde. In Anlehnung an das antike Kunstideal wird in der Klassik nach Vollkommenheit, Harmonie, Humanität und der Übereinstimmung von Inhalt und Form gesucht. Die Französische Klassik wurde als Höhepunkt der Bestrebungen seit der Renaissance betrachtet, die Dichtung der Antike aufleben zu lassen. In Frankreich galt ab den 1790er Jahren der Klassizismus als der „Stil der Revolution“, vor allem in der Architektur. Mit der Vereinnahmung der Revolution durch Napoléon Bonaparte kommt es dann zum dekorativeren Empirestil, der sich mit dem Kaiser über ganz Westeuropa ausbreitet. In Deutschland wird zudem der Klassizismus durch die Weimarer Klassik geprägt. Der Ausdruck Weimarer Klassik bezeichnete im Verständnis des 19. Jahrhunderts die Zeit, in der das „Viergestirn“ Wieland, Goethe, Herder und Schiller in Weimar wirkte, die von 1794 bis 1805 dauerte.
Johann Joachim Winckelmann schrieb 1755 seine Gedanken über die „Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“ und 1764/67 seine „Geschichte der Kunst des Altertums“. Seine Werke zeigten Wirkung bis ins 19. Jahrhundert hinein auf die vorwiegend an der römischen Antike orientierte Kunst und Kultur. Seine ästhetische Betrachtung der griechischen Kunst (edle Einfalt, stille Größe) war eine Grundlage für die Zeit der „deutschen“ Klassik. Das Prunkvolle der Französischen Klassik wurde damit zum bürgerlich Schlichten gemacht. Dies entsprach der Tendenz im deutschen Sprachgebiet, zwischen Adel und Bürgertum zu vermitteln, statt Abgrenzungen zu schaffen.
| Zurück zum Barock | Einführung | Weiter zur Romantik |