Arbeitskreis Lokale Ökonomie Hamburg


Projektgemeinschaft gegenseitiger, solidarischer Hilfen

DieKriseDerGegenseitigenHilfe

Die Krise der ‚gegenseitigen Hilfe’ -

zum Stand der Entwicklung des Arbeitskreises Lokale Ökonomie

ein Diskussionsbeitrag

Ein „Abbiegen“ in Richtung einer selbstbestimmten, wertkritischen Wirtschaftsweise ist schwer. Es bringt Schwierigkeiten und neue Erfahrungen mit sich, die ich vorher nur vage geahnt hatte. Unser Konzept beinhaltete von Beginn an ein zweigleisiges Verfahren: Einerseits haben wir gemeinsam versucht, einen Erfahrungsraum gegenseitiger Hilfen – ohne Dazwischentreten von Waren und Geld – zu entwickeln. Andererseits wollten wir uns gegenseitig darin unterstützen, so weit für die Einzelnen noch nötig, uns auch bei unserem Marktbezug zu helfen. (Siehe unser Konzeptpapier „So viel Erwerbsarbeit wie nötig, so viel Gemeinschaftsarbeit und freie Zeit wie möglich“)

Unsere Idee des Umsonstladens hat uns nun seit über sechs Jahren einen vielfältigen Kontakt zur vorhandenen Gesellschaft ermöglicht. Etliche der jetzt bei uns aktiven Menschen sind über dieses Teilprojekt erst als NutzerInnen, dann als Aktive zu uns gekommen. Das läuft natürlich nur, wenn wir immer wieder während der Schichten mit einzelnen NutzerInnen über unser Konzept sprechen. Das realisieren zur Zeit wenige von uns. – Auch landesweit hat die Ausbreitung der Umsonstläden, die wir förderten, wo wir nur konnten, eine Grundlage für weitere Schritte selbstbestimmten Wirtschaftens eröffnet. Einige Umsonstläden verstehen sich aber inzwischen eher als eine Art „ehrenamtliche Sozialstation“ und weniger als ein Experimentierfeld für eine neue, demokratischere Wirtschaftsweise. Wir haben es in den letzten beiden Jahren kräftemäßig nicht geschafft, die Diskussion um die Entwicklung der Umsonstläden in Gang zu halten.

Das Funktionieren des Kleinmöbellagers und der Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt im Projektverbund mit den „Ein-Personen-Projekten“ hat die weitere mögliche Entwicklung praktisch aufgezeigt. Ohne den Einzelnen das Maß an Teilnahme an der Gemeinschaft aufzunötigen, ist eine gewisse Wirksamkeit punktueller gegenseitiger Hilfen entstanden. Wer bei uns an einem der Teilprojekte aktiv mitwirkt, hat Anspruch auf die Angebote aller Projekte des Verbundes. In der Praxis bedeutete das unter anderem für einige eine kleine, aber spürbare Entlastung von den Zwängen der Erwerbsarbeit, ein Lernprozess sich gegenseitig „gemeinschaftsfähiger“ zu machen und sicherer werden im Umgang mit den vielen NutzerInnen. Nur sind noch nicht so viele Angebote in unserem gemeinem „Pott“.

Da wir zunächst auch die Auffassung unseres Selbstverständnisses völlig freiwillig beließen und Leute, die fast nichts davon begriffen andere Menschen zur Gruppe nachholten, hatten wir bald das Problem, dass wir einige Leute in oder in Nähe der Projektgemeinschaft hatten, die verhältnismäßig kontaktlos in ihrem Sinne mitwirkten. Kleinere und größere Alltagsprobleme häuften sich. Einige fanden gegenüber NutzerInnen und Aktiven immer wieder nicht den richtigen ‚menschlichen Umgangston’. Andere weigerten sich, zu den wenigen gemeinsamen Absprachetreffen zu kommen, wollten aber heftig in ihrem Sinne mittun. Andere oder teils dieselben hatten nur ein technisches Verständnis des Teilbereiches gewonnen, bei dem sie gelandet waren, von dem politischen Anliegen der Gruppe hatten sie fast nichts begriffen, sahen darin meist auch kein Problem. Viel an möglicher gegenseitiger Hilfe ging durch Unzuverlässigkeit einzelner Aktiver schief. Wenige Aktive verbrachten relativ viel Zeit damit, den Betreffenden das Anliegen der Gruppe an den von ihnen mit verursachten Konflikten zu erklären, immer mal wieder mit nur mäßigem Erfolg. Gerade die Teilnahme an den Mindestabsprachen der Einzelprojekte und des Arbeitskreises ist ein Dauerproblem geblieben. In der „Warenwelt“ sind solche Absprachen nicht in dem Maße nötig, weil der Wert ja fast alles reguliert...

Im Laufe des letzten Jahres ist es der Gruppe gelungen, sich von ein paar Leuten zu trennen, die eigentlich dabei bleiben wollten, aber dauerhaft die Mindestgrundsätze missachteten. Gegenseitige Hilfe funktioniert momentan nur dort, wo Menschen tatkräftig ihre jeweiligen besonderen Fähigkeiten den anderen Menschen der Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Wenn Menschen einerseits schlecht im Kontakt mit den anderen sind, andererseits auf ihren persönlichen Nutzen ‚lauern’ und selbst nicht so genau wissen, was sie wollen und können, bekommen wir mit der Zeit Probleme.

Ich dachte einige Zeit, ein paar Menschen mit sehr großen psychischen und Kontaktproblemen können wir tragen. Aber es waren wohl zu viele, die einfach „ihr Ding machen“ wollten. Wir waren zeitweise fast ein Magnet für schwierige Leute, die sonst nirgendwo „landen“ konnten und wir haben als Gruppe zu spät und zu lau dagegen gesteuert, auch weil unser Gruppenzusammenhang selbst noch ziemlich vage war. Die gegenseitige Hilfe innerhalb der noch nötigen Erwerbsarbeit ist bisher recht punktuell und zufällig geblieben. Ein paar interne Beratungen und Jobtipps, neuerdings die Jobcoaching-Gruppe von Anna, war bisher alles. Wir sollten darüber sprechen, ob und wie wir das entwickeln wollen. Für einzelne von uns ist „das Erwerbsleben“ inzwischen ziemlich hart geworden ...

  • * *

Jetzt sind wir also wieder etwas geschrumpft – auf gut 30 Leute. Die meisten sind jetzt schon ein paar Jahre dabei. --- Parallel zu unserer Gruppenentwicklung hat sich das gesellschaftliche Klima langsam weiter verschärft. Wieder einmal steht ein marktwirtschaftlicher „Aufschwung“ an, an dem wahrscheinlich etliche unserer NutzerInnen und Aktiven keinen Anteil haben werden.

Im letzten Jahr haben wir uns zwar gut gehalten, aber es haben sich auch Qualität und Umfang der gegenseitigen Hilfe kaum weiter verdichtet. Zwar hat sich im einzelnen und z.B. in den Renovieraktionen gezeigt, wer sich auf wenn verlassen kann. Aber da die Verschärfung der wirtschaftlichen Lage für die allermeisten von uns weiter gehen wird, besteht meines Erachtens die Gefahr, dass die Wirkung unserer Gruppe, gerade was ihren materiellen Kern anbelangt, faktisch die einer „leicht erfreulichen Begleitung“ des durch die Marktkrise verursachten sozialen Abstiegs sein wird. Wenn unsere gegenseitige Hilfe weiter auf dem gegenwärtigen Stand vor sich hindümpelt, werden wir insgesamt zu einer krisenbegleitenden Erscheinung, nicht zu einem Motor des Umstiegs zu einer selbstbestimmteren, marktunabhängigen Wirtschaftsweise.

Wir brauchen dringend Menschen, die nicht nur zupacken können, sondern auch bereit sind, dieses Experiment eines Wirtschaftens füreinander in gegenseitiger intensiver Absprache mitzutragen. Die relativ große soziale Stabilität der Gruppe ermöglicht uns, allmählich unsere Fähigkeiten im liebevoll – zielgerichteten Umgang miteinander zu gemeinsamem Nutzen zu fördern.

Kurz vor Weihnachten 05 haben wir uns zu zehnt in einem Soziologieseminar an der Hamburger Uni den StudentInnen vorgestellt. Dabei wurde unsere lebendige Vielfalt auch uns selber deutlicher. Die Beteiligten meinten noch am selben Tag, dass wir ähnliche Außendarstellungen häufiger mal durchführen sollten. Ich denke, dass einige von uns auch weiterhin offen sind für BesucherInnen aus Hamburg und aus anderen Städten, die an unseren Alltagswidersprüchen mal ein wenig teilnehmen wollen.

16. Januar 2005


Powered by PmWiki Hosted at Hostsharing eG