Meine Arbeit im Kleinmöbellager, Teilprojekt des Arbeitskreises Lokale Ökonomie e.V. Hamburg, hat mir in den vergangenen drei Jahren schon eine Menge Vorteile gebracht. Von hier habe ich mein Fahrrad, Möbel, Hausstand , Kleidung, Bücher, Werkzeug, Schrauben, Haken, Schalter. Fahrrad und Bücher sind für mich wesentliche Dinge geworden. Mobilität und Entertainment. Wenn ich etwas transportieren will, kann ich mir den Transporter oder einen Fahrradanhänger leihen.
Ich beginne bewusst damit, hier aufzuzählen, was ich von dem Verein bekomme, denn es wäre unehrlich, das kaschieren zu wollen. Außerdem kann auch nur an dem Gegenstand an sich erklärt werden, was wir hier tun. Wir halten Dinge (nicht nur Möbel) in Umlauf, die im allgemeinen als Waren gehandelt werden, Dinge, die ich für meine Arbeit hier bekommen kann. Ich könnte versuchen, möglichst viel, für möglichst wenig Leistung zu bekommen, aber dann würde die Gruppe nicht funktionieren. Aber sie funktioniert. Und ich bin froh, dass ich so den Kaufzwängen teilweise entgehen kann.
Um seinen Alltag mit Ressourcen aus unseren Projekten zu bestreiten zu können, muss man sein Konsumverhalten verändern. Nicht alle Dinge sind sofort zu bekommen. Man muss warten können und sollte seine Erwartungen nicht zu hoch stecken. So können diese noch übertroffen werden. Wer gerne auf Flohmärkten einkauft, weiß den Reiz des Zufallsfundes zu schätzen. Dem ähnlich, habe ich in unserem Teilprojekt Umsonstladen viele Dinge gefunden, die ‚Fortune’ ganz bestimmt für mich dorthin gelegt hat. Dieses Konsumverhalten ähnelt dem Impulskauf, es wurde in einem Augenblick ein Bedürfnis geweckt und befriedigt. Ich gehe dann glücklich mit meinem Fund nach Hause, reinige oder repariere es dann, denn Dinge aus dem Umsonstladen haben oft kleine Fehler. Ich habe solche dann behoben oder mich damit abgefunden, habe eine persönliche Beziehung zu den Dingen aufgebaut und gestalte mir so eine Umwelt, die ich „mag“. Es ist nicht immer leicht, diese Art des Konsumierens zu kontrollieren, denn der Kick ein neues Teil zu haben, ist derselbe, den Kaufsüchtige in der Warenwelt auch haben. Ich habe mich mehrfach dabei ertappt, Dinge zu nehmen, die ich nicht brauchte, aber besitzen wollte. Wenn ich meine Gier dann überwunden hatte, konnte ich die Dinge immerhin wieder zurückbringen.
Diese rein praktischen Erfahrungen, und die stetigen Diskurse in den Sitzungen und Arbeitsgruppen, lassen mich jetzt deutlicher sehen, dass viele Dinge, die früher mein Begehr waren, nicht für mich waren. Es waren geweckte Bedürfnisse, welche eigentlich nur die Bedürfnisse der Verkäufer befriedigen sollten, die sich damit meine Ressourcen aneigneten in Form des Geldes, dass sie von mir bekamen. Dieses Wirtschaftssystem beruht auf den Prinzip des reinen Schmarotzertums: Ich habe aber keine Lust mehr, auch noch einen Chef mit durchzufüttern. Es reicht ja nicht mal für die Kinder. Ich hab keine Lust mehr, die Melkkuh der Industrie zu sein und mir ihren Mist im Werbe-TV aufschwatzen zu lassen, mich mit „günstigen“ Krediten ködern lassen, um künftig ihre Leibgeisel zu sein. Ich will auch nicht die Geisel des Staates sein, indem ich ihm Weisungsmacht über mich gebe. Wenn ich sein Geld nehme, er sich das Recht herausnimmt, die Päckchen Butter in meinem Kühlschrank zu zählen.
Nicht, dass ich mich unserer Gesellschaft nicht verpflichtet fühle, aber immer öfter habe ich das Gefühl, dass die Gesetze dieses Staates mich einschränken, um die Pfründe anderer, und nicht das Allgemeinwesen zu schützen. Die Heilsverkünder in den Marketing-Abteilungen der Industrie, und die Werbekaufleute mit ihrer Marktforschung, die gekaufte Kulturelite der Artdirektoren und Texter lügt dir smart und vertrauenerweckend ins Gesicht und verspricht dir, „der Partner an deiner Seite“ zu sein, und lässt dich dann in der Hotline verhungern, oder geht gar nicht erst dran, weil dein Scoreingprofil ihnen nicht zusagt. Oder mit anderen Worten, sie halten dich für einen armen Schlucker oder für einen Querulanten, weil du bereits schon einmal Ansprüche gestellt hast. Versicherungen nehmen migrante Mitbürger nicht auf, weil Statistiken belegt haben wollen, dass der flotte südländische Fahrstil für mehr Unfälle sorgt. Andererseits setzen sie deine Prämie hoch, sobald dir wirklich was passiert ist.
Dinge halten oft nur bis zum Ende der Garantiezeit. Ich glaube, dass in diesen kleinen MOS-Bausteinen und IC´s kleine Kalender-Programme bis tausend zählen, und dann beginnen kleine Fehler einzuspielen oder das Gerät einfach außer Betrieb setzen, vom Markt nehmen und neue Nachfrage schaffen. Die Post hat die Briefkästen abgeschraubt und das dann „Angebotsoptimierung“ genannt. Dann singen sie dir noch laut vor: „Lass dich nicht verarschen“ und tun eben genau dieses, reden von Geiz, was schon an sich hässlich ist und meinen doch Gier. Es ist alle Warenwerbung nur ein Appell an die Gier. Selbst unseren Kindern setzen sie schon hart zu, diese Verführer, diese Mitschnacker. bei denen sitzt das Branding dann ein Leben lang.
Ich will dieses System nicht mehr kritiklos stützen. In einigen Dingen kann ich leider noch nicht so konsequent sein, wie ich es gerne sein würde. So telefoniere ich über das Netz eines multinationalen Konzerns, beziehe aber meinen Strom von Greenpeace Energy. Teilweise muss ich leider noch in Billig-Discountern einkaufen, in denen die armen Angestellten ausgebeutet und unterdrückt werden. Wenn diese Unternehmen die Infrastruktur der Einzelhandelskonkurrenz gänzlich zerstört haben und ein Quasimonopol innehalten, werden „all die“ Billigheimer sich noch umgucken. Die Sachen werden ja nicht aus lauter Nächstenliebe so billig gemacht. Meistens wird irgend jemand dafür ausgebeutet, oder die Qualität wird schlechter, meist beides. Wenn dann das Monopol durchgefochten ist und die Konkurrenz ausgeblutet, werden die Preise sowieso wieder angezogen.
Weil das Leben so hart, die Rebellion immer so anstrengend ist, man selbst alt wird und das Geld weiterhin braucht, gibt es zum Schluss immer weniger „Idealisten“, die größten sind früh vor Gram verstorben. Über die, die noch leben, wird gelacht. Die anderen kümmern sich noch eiligst um ein paar Rentenanteile, die dann doch, wie Eiswürfel, in die man keine Energie hineinsteckt, dahinschmelzen. Immer wenn jemand etwas spart, und mit diesem Geld „gearbeitet“ wird, muss doch woanders Mangel auftreten. Ist das nicht ein Gesetz dieser Logik? Ich glaube, das gilt auch für deine Spargroschen. Keine Bange, ich will sie dir nicht nehmen. Aber wenn du sie irgendeiner x-beliebigen Bank oder Versicherung gibst, ist es sicherlich in der Zwischenzeit in den falschen Händen. Da wird mit Kohle gezockt, als sei es im Spielkasino. Ist ja nicht so schlimm, wenn sie es versemmeln, war ja nicht ihr Geld, bis jetzt jedenfalls. Wenn es mehr geworden sein sollte, werden sie es nicht mit dir teilen, dir eine obskure Rechnung aufstellen, in der die Unkosten von deinem Anteil gezahlt werden. und wenn du geglaubt hast, dass dein Geld sich einfach von selbst vermehren kann, nur weil du es clever anstellst, bist du auch nicht besser. Ich finde Handel um aus Geld mehr Geld zu machen unmoralisch, etwas tun oder machen ehrenhaft. Ich betrachte die Dinge, die wir hier im AK LÖK in Umlauf setzen, nicht als Ware, sondern eher als Rohstoffe, und das, was wir tun, als eine Form von Produktion.
Die Welt des Handels ist schmutzig und degeneriert. Wenn du nicht aufpasst, ziehen sie dir die Hosen aus und du stehst mit einem Sack voll Schulden da und bist auch noch Schuld. Kürzlich musste ich ein Gespräch in der U-Bahn mit anhören. Zwei Messereisende mit allen äußerlichen Attributen der Ehrbarkeit gaben voreinander an, wie sie die Spesen abzockten. Als sie dann Strategien, wie sie einen Kollegen, den sie als eher harmlos und weniger als Konkurrenten erachteten, in die Pfanne hauen könnten, einfach aus Grausamkeit, hätte ich ihnen sagen sollen, dass sie sich schämen sollten, so schamlos laut hier in der Öffentlichkeit ihre schändlichen Pläne zu schmieden. Ich habe aber leider nichts getan und bin gegangen, ohne mir die verständnislosen, vielleicht aggressiven Rechtfertigungen anzuhören. Meine Kritik wäre sicher auch nicht angekommen und es wäre lediglich eine Entrüstung geblieben. Diese beiden bewegten sich so selbstverständlich in diesem System, dass ihr Verhalten wahrscheinlich auch noch belohnen würde und sie als erfolgreiche Männer dastehen lies, die etwas aus sich gemacht und für ihre Sache fleißig und tapfer gekämpft haben.
Ein System, das sich auf derart niederen Instinkten gründet, dass an die Gier appelliert und jeglichen Antrieb in Geldwerte umrechnet und nur die Gewinnmaximierung belohnt, will ich nicht mittragen. Unsere Gesellschaft ist so sehr von Geldsystem durchdrungen, dass jedes Kind irgendwann anfängt Kaufmannsladen zu spielen, um später dann seinem eigenen Bruder die alten Spielsachen zu „verkaufen“- „in echt“. All solche Dinge werden belohnt. Undank ist dieser Welt Lohn, Ich will keine Belohnung, ich will Befriedigung.
Ralf, Kleinmöbellager des AK LÖK