Arbeitskreis Lokale Ökonomie Hamburg


Projektgemeinschaft gegenseitiger, solidarischer Hilfen

Forschungsbericht

Theoriegruppe des Arbeitskreises Lokale Ökonomie e.V. Hamburg :

Kritik von Waren und Geld / Versuch eines einführenden Forschungsberichtes

Wie beeinflussen Waren und Geld unser Verhalten, unser Denken ?

Welche Handlungsgrundsätze, Verhaltensweisen und Denkformen entstehen bei den Warentauschenden in ihren alltäglichen Aktionen ?

Wie wirkt sich es auf Dauer aus, wenn der Verwertungsgrundsatz (‚aus Geld mehr Geld machen’) die Nützlichkeit der Produkte und die Gestaltung des Arbeitsprozesses umgreift ?

Vorwort:

Die durch ein Wirtschaften mit Waren und Geld entstehenden Verhaltens- und Denkformen halten wir keineswegs für das allein Wirksame in dieser Gesellschaft. Jedoch meinen wir, dass die davon ausgehenden Wirkungen bisher gewaltig unterschätzt wurden und nur wenig erforscht sind. Das liegt einmal an dem gegenwärtig vorherrschenden Desinteresse, sich überhaupt kritisch zur privatwirtschaftlichen Wirtschaftsweise zu äußern, zum anderen aber auch daran, dass es bisherige kapitalismuskritische Strömungen bisher selbst weitgehend versäumt haben, eine kritisch-aufnehmende Verarbeitung der Marxschen Warenanalyse mit neuen selbständigen Forschungen zu verbinden. Die den Handelnden im Warenaustausch durch den Vollzug desselben aufgenötigten Verhaltensnormen sind weder genügend empirisch nachgewiesen und theoretisch nachvollzogen. Es entsteht selbst bei (konsum- und waren-)kritischen Menschen oft nur eine Ahnung davon, wie weitgehend die Verhaltens- und Denkbeeinflussungen durch den alltäglichen Vollzug der Waren/Geld-Aktionen und damit auch die Unfähigkeit, selbständige freie, (selbst-)kritische Gemeinschaften zu bilden, vorangeschritten sind. Darüber hinaus gibt es weder eine Soziologie des Wertdenkens und Werthandelns, der Waren'prägungen' ) , was ja der empirischen Forschung leicht zugänglich wäre, noch wurde den tiefenpsychologischen Wirkungen des Ware-Geld-Verkehrs im gegenwärtigen Kapitalismus ernsthaft nachgegangen (z.B. durch eine Analyse vorherrschender Träume ,Wünsche und Lebensziele ...). Die hier folgenden Bemerkungen sind weit entfernt von einem ausgearbeiteten Forschungsprogramm. Nur erste Übergänge dazu sollen ausgeführt werden. Es wird skizziert, weshalb es Sinn macht, sich damit zu beschäftigen. Vorausgesetzt ist in diesen Ausführungen eine gewisse Kenntnis der Marxschen Warenanalyse und die Entwicklung der Geldform aus der Warenform. ) Die wirtschaftliche Grundfunktion in dieser Gesellschaft ist der Warenaustausch vermittelt über Geld auf der Grundlage der Privatproduktion. Dabei funktioniert das Geld teils als Geld, teils als Kapital, als sich selbst verwertender Wert. Der Inhalt des Wertes ist nichts anderes als die vom Kapital eingesogene, lebendige menschliche Arbeitskraft. Die Formen von Ware, Geld, Kapital, Lohn, Profit, Preis u.s.w. verdecken diesen einfachen Tatbestand, der nur in der kapitalistischen Produktion sichtbarer, weil fühlbarer wird.

Hier geht es zunächst nur um die einfachste Form des Warentausches. Daran sollen die Handlungs- und Denkformen analysiert werden, die den Beteiligten durch den Vollzug dieser ökonomischen Handlung aufgedrängt werden. Nach der Entwicklung der Basiskategorien Gebrauchswert und Tauschwert und des 'Doppelcharakters der in den Waren dargestellten Arbeit (Wertinhalt) kommt Marx zur Analyse der Erscheinung des Tauschwertes, der Wertform. Einer Ware kann man, für sich betrachtet, den Wert niemals ansehen. Der Wert oder besser das Wertverhältnis zeigt sich nie an einer Ware allein, sondern nur am Verhältnis der Waren zueinander. Eine beliebige Ware tauscht sich gegen eine andere beliebige Ware aus: X Ware A = Y Ware B . Die erste Ware befindet sich in relativer Wertform; das heißt, sie drückt ihr Wertsein relativ, also in Bezug auf die andere Ware aus. Die zweite Ware gibt ihre konkrete Gestalt als Wertspiegel für die erste Ware her, sie setzt sich damit in die Äquivalentform. )

Marx kommt zum Ergebnis, dass eine Ware von bestimmter Menge ihr Wertsein in der besonderen Gestalt der anderen Ware ausdrückt. „Gebrauchswert wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts. Die Naturalform der Ware wird zur Wertform." ) Das ist die erste der drei Besonderheiten der Äquivalentform. ) Eine Ware drückt mit ihrer natürlichen Gestalt zusätzlich das „Wert-Sein“ der anderen Ware aus. Eine von da ab existierende „Verrücktheit“ ist damit geboren: Ein Menschen-produkt drückt neben allen anderen natürlichen Eigenschaften, wie eine weitere scheinbar natürliche Eigenschaft das „Wertsein“ eines anderen von Menschen privat produzierten Dinges mit aus.

Die anderen beiden Eigentümlichkeiten der Äquivalentform sind, „dass konkrete Arbeit zur Erscheinungsform ihres Gegenteils, abstrakt menschlicher Arbeit wird, (..)" und „dass Privatarbeit zur Form ihres Gegenteils wird, zu Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form." ) Marx entwickelt dann Schritt für Schritt die Geldform als Verallgemeinerung der Äquivalentform. Schon durch die entfaltete Wertform tritt die einzelne Ware zu allen anderen Waren auf dem Markt in ein Verhältnis; die Waren drücken so durch ihr Wertverhältnis ein gesellschaftliches Verhältnis der Sachen aus: verrückt, aber wahr. In der allgemeinen Wertform drücken alle anderen Waren ihr Wertsein in einer besonderen Ware aus. Das lief realgeschichtlich meist auf Silber oder Gold hinaus. „So ist die im Warenwert vergegenständlichte Arbeit nicht nur negativ dargestellt als Arbeit, worin von allen konkreten Formen und nützlichen Eigenschaften der wirklichen Arbeiten abstrahiert wird. Ihre eigne positive Natur tritt ausdrücklich hervor. Sie ist die Reduktion aller wirklichen Arbeiten auf den ihnen gemeinsamen Charakter menschlicher Arbeit, auf die Verausgabung menschlicher Arbeitskraft. Die allgemeine Wertform, welche die Arbeitsprodukte als bloße Gallerten unterschieds-loser menschlicher Arbeit darstellt, zeigt durch ihr eignes Gerüste, dass sie der gesellschaftliche Ausdruck der Warenwelt ist. So offenbart sie, dass innerhalb dieser Welt der allgemein menschliche Charakter der Arbeit ihren spezifischen gesellschaftlichen Charakter bildet." ) Der eigentümliche, scheinbar selbsttätige, fetischartige Charakter der Warenwelt und des daraus sich hervorentwickelnden Geldes geht hervor „aus dem eigentümlichen gesellschaftlichen Charakter der Arbeit, welche Waren produziert. Gebrauchsgegenstände werden überhaupt nur Waren, weil sie Produkte voneinander unabhängig betriebner Privatarbeiten sind. Der Komplex dieser Privatarbeiten bildet die gesellschaftliche Gesamtarbeit. Da die Produzenten erst in gesellschaftlichen Kontakt treten durch den Austausch ihrer Arbeitsprodukte, erscheinen auch die spezifisch gesellschaftlichen Charaktere ihrer Privatarbeiten erst innerhalb dieses Austausches. Oder die Privatarbeiten betätigen sich in der Tat erst als Glieder der gesellschaftlichen Gesamtarbeit durch die Beziehungen, worin der Austausch die Arbeitsprodukte und vermittels derselben die Produzenten versetzt. Den letzteren erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das, was sie sind, d.h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen." ) Da die Menschen privat produziert haben, bilden die von ihnen hergestellten Dinge eine verselbständigte Pseudo-„Gesellschaft“ (die „Warenwelt“) und die Menschen begegnen sich als Menschen auf dem Markt nicht unmittelbar als Menschen, sondern „sachlich“, als Träger ihrer Warenfunktionen, denen sie Ausdruck und Stimme verleihen.

Die Waren können nicht allein auf den Markt gehen. Die Warenbesitzer wollen sie austauschen. In einer Gesellschaft mit fast ausschließlicher Privatproduktion können sich die Menschen die benötigten Dinge nicht einfach geben, sondern müssen sie als Waren austauschen, um die für ihr Leben benötigten Dinge zu bekommen. Indem sie 'Vermittler' ihrer Sachen werden, die ihre gesellschaftliche Nützlichkeit erst auf dem Markt im Vollzug des Austausches beweisen können, geben sie dem 'sachlichen Verhältnis' in dem sie stecken Ausdruck Stimme und Gefühl und werden von diesem Verhältnis, das einen gewichtigen Teil ihres Alltags bildet, mit beeinflusst.

Der Privatstandpunkt und die Privatperspektive der Warentauschenden („Solipsismus“) )

Die Warenbesitzer können nur austauschen, wenn sie sich innerhalb der geplanten Transaktion als voneinander unabhängige Personen, als Besitzer ihrer Waren, anerkennen. Ein Warenaustausch innerhalb einer (Groß-)familie oder einer gemeinsam produzierenden Dorfgemeinschaft macht keinen Sinn, wenn das auszutauschende Gut ohnehin beiden oder allen zusammen gehört und private Aneignung ungebräuchlich ist ... Wenn sie aber austauschen, erkennen sich die beiden Handelnden nicht nur gegenseitig als Privateigentümer ihrer jeweiligen Waren an, sondern trennen dieses Privateigentum auch deutlich ab vom bisher vorherrschenden Gemeinschaftseigentum ) : Die Gegenstände werden im Austausch als privat besessene oder als privat besitzbare Gegenstände behandelt. ) . Die Austauschhandlung selbst bringt den Standpunkt, das Interesse und den Denkansatz des vereinzelten Einzelnen hervor: Alle auszutauschenden Dinge werden exklusiv zu „mein“ oder „dein“. ) Von diesem Privatstandpunkt aus, den die Austauschenden in der Durchführung ihrer Aktion einnehmen müssen, ergibt sich die Entgegensetzung der vereinzelten Einzelinteressen, der Konkurrenzkampf der Einzelnen um ihre gegensätzlichen (wirtschaftlichen) Interessen, aber auch das gemeinsame Interesse der Austauschenden am ungestörten Ablauf ihrer Austauschakte. Vom Standpunkt des Warenaustausches betrachtet ist es zunächst gleichgültig, wie die auf dem Markt angebotenen Waren hergestellt worden sind, oder ob sie überhaupt hergestellt wurden. Wichtig ist dort nur, ob sie einen Gebrauchswert für andere darstellen und deshalb Käufer und Verkäufer ihren Austausch „realisieren“. Erst mit der Intensivierung des Warenaustausches griff das Privateigentum auch auf die Produktion über, die dann zunehmend eine für den Markt wurde. )

Das ‚moderne‘ Ich entsteht

Die Austauschenden bestätigen sich im jeweiligen Austauschakt a) als Privatbesitzer ihrer Waren b) als mit (Kaufs- oder Verkaufs-)Willen ausgestattete ‚vernünftige‘ Wesen (also auch mit einer Vernunft, die der Austauschlogik entspricht ...) c) als Einzelwesen unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang . Dieser Zusammenhang wird ständig durch die Masse der vollzogenen Austauschakte neu gestiftet. Im einzelnen Austausch stehen sie sich jedoch nur als vereinzelte Einzelne auf dem Markt ) gegenüber. Um zu tauschen, müssen die Beteiligten anfangen, im heute geläufigen Sinne sich als „ich“ zu bezeichnen, abgetrennte Einzelne, die die anderen Menschen als völlig Andere und potentielle Kontrahenten begreifen. Alles sonst die Menschen Verbindende (z.B. (Nächsten-)liebe, Freundschaft, Spiel, Religion ...) wird dem Austausch, später dem Wirtschaften überhaupt äußerlich. Der Warenaustausch hat bei der Herausbildung einer Ich-Identität im Sinne eines Vermögens der Einzelnen, relativ abgelöst von den gemeinschaftlichen Bezügen zu handeln und zu denken eine entscheidende Rolle gespielt. ) Vor der Entfaltung des Warentausches haben sich die einzelnen Menschen mehr unmittelbar als Teil ihrer Gemeinschaften begriffen und weniger ausdrücklich als besondere Einzelne. ) Das lässt sich an Völkern, die noch vor kurzem in diesem Stadium lebten mit begründen. Die zeitlich dem Warenaustausch vorgelagerten Formen des Geschenktausches, Potlaschs ... ) können zwar als Schritte zu einer vom Austausch beförderten Individuation begriffen werden. Jedoch setzen diese ‚Vorläufer’ der Warenproduktion den einzelnen Menschen dem einzelnen nicht so schroff gegenüber. Meist verhandelten und handelten Gruppen und Gruppenvertreter miteinander. Wirtschaftliches, kulturelles, religiöses .... Handeln bildeten noch eine untrennbare Einheit. Im „modernen“ Warentausch dagegen beziehe „ich“ mich praktisch als konträr zum Interessenstandpunkt des gerade vorhandenen Kontrahenten: Die abstrakte Negation des gegenüberstehenden jeweils besonderen Menschen als Nicht-Ich formiert erst ein abgelöstes Ich-Verständnis, dass sich dann bei weiterer Intensivierung der Austauschaktionen weiter gegen andere befestigend genauer bestimmt. Dieses Ich vertritt ein konträres Interesse nacheinander gegenüber allen anderen Austauschhandelnden und bestimmt sich so immer neu als „ich“, als abstrakt identitär gegen alle andern Marktteilnehmer, gegen alle anderen sozialen Bezüge. ) Alle besonderen personellen Eigenschaften der Handelnden spielen hier nur eine indirekte Rolle als zugrunde liegendes Bedingungsfeld für die Austauschabsichten: Man ‚verwertet‘ sich gegenseitig. Hintergrund dieser Entstehungsgeschichte hochabstrakter Identität ist die zeitlich schon vorhandene Identität als Mitglied einer Gemeinschaft mit einer gewissen Individuation als besondere Identität, also kennzeichnenden Unterschied , z.B. im Kampf um den Stammeserhalt (als ‚tüchtiger Krieger‘, ‚weise Frau‘, Handwerker, Jäger usw.) Auch die frühgeschichtliche arbeitsteilige Gemeinschaftsarbeit eingebettet ins Gemeinschaftsleben gab individuelle Darstellungsmöglichkeiten frei. Trotzdem kannten etliche frühe Völker in ihren Sprachen gar nicht das Wort „ich“ ) . Allmählich schob sich die neue warengeleitete Ich-Identität in die alte (naturwüchsig gemeinschaftlich mitbestimmte) Ich-Identität hinein. ) Das ging sicher nicht ohne Konflikte ab: Überhaupt wurden der Handel und das Geld von den alten Völkern fast durchgehend als die alten Werte zerstörend wahrgenommen ... ) . Durch die strikte Abtrennung des Ichs, des Subjekts, im Warenaustausch wird in gleichem Maße die Abtrennung der Objekte, der Dingwelt einschließlich der Lebewesen, vom Subjekt vollzogen. Die Weltbilder vor der Entfaltung der Warenproduktion zeigten diese strikte Trennung von Menschen und dinghafter, äußerer Natur nicht. ) Die Betonung lag eher auf der Verbundenheit aller Lebewesen mit der sie umgebenden Natur.

Kalkül, Sparsamkeit und Charaktermasken

Die Waren werden erst im Austausch als Werte angesehen und behandelt, bevor sie - später als Gebrauchswerte ) konsumiert werden können. Der Austausch der Beteiligten kommt nur zustande, weil sie die verschiedenen Güter als bloße Mengen von etwas Gleichem behandeln. (Siehe genauer unten!) Diese Gleichsetzung bloßer Mengen wird von den Kontrahenten unter dem Aspekt ihrer gegensätzlichen Interessen durchgeführt: Der eine Warenbesitzer will die benötigte Ware in bestimmter Menge für seinen eigenen Gebrauch bekommen und möglichst wenig von der eigenen Ware, die ihm als Tauschmittel dient, dafür geben. Der andere Warenbesitzer will dasselbe, nur umgekehrt. Das Bedürfnis nach einer bestimmten Menge Gebrauchsgut aus dem Besitz des anderen wird ergänzt durch das Bestreben, möglichst wenig vom eigenen Tauschmittel herzugeben, um in weiteren Austauschakten sich weitere Bedürfnisse aus dem Besitz von anderen ‚leisten‘ zu können. Schon aus dem einzelnen Austausch entsteht der Impuls für ein Preiskalkül oder Wertkalkül, ) , das über diesen einzelnen Akt hinausdrängt:‚Wenn ich jetzt mit meinem Gut, das mir jetzt als Tauschmittel dient, sparsam umgehe, dann kann ich mir dafür noch andere nützliche Dinge eintauschen.‘ ) Die den handelnden Warenbesitzern aufgeprägten Bestimmungen entwickeln sich mit der Entwicklung der einfachen, zufälligen Äquivalentform zur allgemeinen Äquivalentform, der Geldform. Diese Entwicklung der soll hier nicht nachvollzogen werden. Sie wird hier vorausgesetzt. ) Im einfachen Warentausch ist jeder Warenbesitzer gleichzeitig in einem Akt Käufer und Verkäufer. Jede (r) gibt eine bestimmte Menge der eigenen Ware und bekommt dafür eine andere bestimmte Menge der Ware des Gegenübers. Mit der Entwicklung des Geldes, treten sich die Kontrahenten in zwei verschiedenen Rollen gegenüber und können in einer Aktion nur eines von beiden sein: Käufer oder Verkäufer. X Ware a = Y Geldware Schon bevor wir das Verhältnis bzw. die Rollen von Käufer und Verkäufer (‚Charaktermasken‘) näher untersuchen, fällt der jeweilige quantitative Maximalismus ins Auge: ‚möglichst viel‘ gegen ‚möglichst wenig‘, wobei das ‚Maßlose zunächst mehr von der Rolle, des Verkäufers ausgeht, weil der Käufer zunächst nur durch die Kaufakte den Umfang seiner natürlichen Lebensbedürfnisse deckt oder ergänzt. Also die ins Maßlose zielenden individuellen Interessen des Verwertungsstandpunktes des Verkäufers und der kritische Sinn des Käufers, ob der Gebrauchswert auch die optimale gewünschte Qualität hat, stehen sich hier gegenüber. Genauso konträr ist das Bedürfnis des Verkäufers, möglichst viel zu verkaufen, dem Interesse des Käufers möglichst wenig dafür zahlen zu wollen, weil ihm noch andere notwendige Dinge vorschweben, die für dasselbe Geld gekauft werden könnten... ) Die beiden Maximalpositionen begrenzen sich gegenseitig durch die tauschnotwendige Kompromissbildung. Die gegensätzlichen Individualinteressen finden ihren praktischen Ausgleich im zustande gekommenen Austauschakt in einer labilen Äquivalenz, das heißt in dem Mengenverhältnis, auf das sich beide einigen können. Beide geben gleich viel, im Sinne einer subjektiven Wertabschätzung. Es muss den Beteiligten nicht deutlich werden, dass durch die Masse der labilen Austauschgleichgewichte (Preise) sich der Wert der sich so vergesellschaftenden Arbeit durchsetzt. Sie sind auf das Funktionieren ihrer einzelnen Austauschakte bedacht, auf benötigte Waren und/oder auf Gelderwerb. Die Wertäquivalenz (beide einigen sich im Austausch, jede(r) gibt gleich viel...) bringt das Bewusstsein einer Tauschgerechtigkeit hervor. ‚Ich gebe dir gerade so viel, wie du mir gibst‘.

Was praktische Bedeutung für die Waren- und Geldbesitzer hat, ist das jeweilige reale Kräfteverhältnis auf dem Markt. Auf der Basis der Anerkennung als „freie“ Privatbesitzer der jeweiligen Kontrahenten entwickelt sich um die konkrete Fixierung der Austauschrelation ein Machtkampf. ) Aufgabe der Warenbesitzer oder Geldbesitzer ist es, die Funktion Verkauf oder Kauf praktisch zu vermitteln. Mit vielerlei Verhaltensweisen, teils bei Verschleierung ihrer wirklichen Absichten, versuchen sich beide Seiten durchzusetzen, d.h. die Austauschrelation zu ihren Gunsten zu verschieben. Jede Seite ‚spielt‘ auch mit dem Nicht-zustande-Kommen des Austausches, indem sie den Anschein erweckt, nicht besonders darauf angewiesen zu sein. Es entstehen die Charaktermasken des Käufers und des Verkäufers. Der in diesem Verhältnis seine Bedürftigkeit Zeigende wird als ‚schwach‘ angesehen, der scheinbar ‚Bedürfnislose‘ gilt als ‚stark‘. ). Das Charaktermasken-Verhalten ist gekennzeichnet durch eine ‚Doppelbödigkeit‘: Im Hintergrund steht als Verhaltensmotiv, die möglichst effektive Ausfüllung der aus eigenem Interesse eingenommenen ökonomischen Rolle, hier des Käufers oder des Verkäufers. Im Vordergrund stehen alle nur erdenklichen ‚bunten‘ Verhaltensweisen, die letztlich der Ausführung des (häufig, jedoch nicht notwendig verborgenen ...) Motivs dienen. )

a) Rolle des Käufers Um seinen wirtschaftlichen Zweck zu erreichen, kann sich der Käufer als misstrauischer Kunde zeigen. Er (sie) prüft die verschiedenen Gebrauchseigenschaften der angebotene Ware auf Schwach- und Fehlstellen, versucht mit seinen Warenkenntnissen eine sachlich-kritische Atmosphäre herzustellen, fordert Preisnachlässe, nennt eventuell billigere Bezugsquellen, spielt die Bedeutung der zu erstehenden Ware für sich herunter. Er ist unentschlossen und will schon gehen, wenn der Verkäufer nicht mit dem Preis herunter gehen will... usw.

b) Rolle des Verkäufers Der Verkäufer versucht beispielsweise eine angenehme, „entspannte“ Verkaufsatmosphäre zu fördern, er preist die Gebrauchseigenschaften seiner Ware an, spielt die Bedeutung des Preises entweder herunter, oder versucht seine Waren als besonders billig darzustellen, gibt Zugaben oder Rabatt. Der Verkäufer ist höflich bis schmeichelnd, witzig, aufmerksam auf alle Wünsche des Käufers reagierend, widerspricht ihm möglichst nicht direkt in seinen Ansichten ... usw. )

Die Wertabstraktion - eine Realabstraktion

Im Austausch wird abgesehen von allen sinnlich wahrnehmbaren Gebrauchseigenschaften der Waren. Diese Eigenschaften werden (wenigstens zunächst...) dem Verwertungsaspekt untergeordnet. Es findet eine Zuspitzung der Ganzheit auf diesen einzigen Aspekt statt. Innerhalb der wirtschaftlichen Einzelaktion nur wichtig: ‚Wieviel ist die Ware X wert?‘ (Das Wertsein der Ware scheint als natürliche Eigenschaft der Dinge; praktisch wichtig ist für die Beteiligten nur die Wertgröße. Alle verschiednen Qualitäten werden als bloße Mengen verkürzt und „vereinfacht“.) Daran knüpft sich ein auf einen möglichen Preis zielendes Kalkül: ‚Wieviel bin ich bereit, für meine Ware X (höchstens...) zu geben?‘ ‚Wieviel will ich für meine Ware Y (mindestens...) bekommen?‘ Dieses schon ausgeführte kalkulatorische Vermögen beinhaltet die Unterscheidungsfähigkeit zwischen der Reduktion aller Buntheit der Dinge und Personen auf den sich darin vergegenständlichenden Wert im Preisausdruck einerseits (‚Hochabstraktion’) und dem situationsgemäßen Eingehen auf die verschiedensten konkreten Tauschsituationen, die vielfältig in das Leben der Beteiligten eingebettet sind (‚Tauschtaktik’). Wenn im Austausch unter anderem das praktische Vermögen der Zuspitzung auf einen einzigen handlungsleitenden Aspekt entsteht und ‚trainiert’ wird, kann dieses Vermögen auch schrittweise unabhängig vom Austausch praktiziert werden. Das ist die Geburtsstunde des hochabstrakten und analytischen Denkens der altgriechischen Philosophie - Schulen gewesen. )

Die Wertabstraktion im sich entfaltenden Warenaustausch erscheint schließlich in einer dinglichen Gestalt, im Geld. ) Wie ist das möglich, dass eine Abstraktion dingliche Gestalt erhält? Das ist ein in der Menschheitsgeschichte bisher einmaliger Vorgang: Eine besondere Warensorte gibt ihre natürliche Gestalt zusätzlich als Trägerin des Wertausdruckes für alle anderen Ware her. Sie wird schließlich durch die Praxis der Austauschenden zum Äquivalentspiegel für alle anderen Waren. Neben Salz, Bernstein, Vieh, Perlen, Kaurischnecken u.v.a. haben Silber und Gold neben ihrer Gebrauchsgestalt diese rein gesellschaftliche Funktion übernommen, Wertsein zu zeigen. Erst stellten die Warenbesitzer (aktiv!) durch den Austausch mit einer einzigen Äquivalentware die Einheit der ‚Warenwelt’ her. Als sich die Funktion des allgemeinen Äquivalentes im Gold erst einmal herausgebildet hatte, wurde jede neu auf den Markt tretende Ware im Goldwert gemessen und es sah von da ab so aus, als mache das Gold bzw. das Geld (aktiv !) und nicht die Austauschenden die Waren zur Ware. Das Geld erscheint dann als der ‚Gott der Warenwelt‘, obwohl die vielen Warenaustauschakte das Geld erst hervorgerufen haben. ) Ist diese Entwicklung einmal vollzogen, geht mit der besonderen Ware ein weiterer Abstraktionsprozess vor sich: Das Geld als Wertausdruck der Warenwelt begnügt sich mit einer jederzeitigen Eintauschbarkeit in Gold. Das Geld als Münze, als Banknote mit internationalem Wechselkurs und bloßes internationales Rechengeld zeigt sich im Alltag zunehmend nur als bloße Rechengröße, nur noch in Ausnahmefällen als Münze und Papiergeld. (Eine Weltwirtschaftskrise würde die Golddeckung wieder an die Oberfläche bringen, ebenso eine ‚Flucht in die Sachwerte‘. Aber das ändert nichts an der derzeitigen scheinbar ‚freischwebend’ abstrakten, teils immateriellen Erscheinungsweise des Geldes.) Ein weiterer Abstraktionsprozess besteht darin, dass man Geld nicht ansieht, ob es als Geld oder als Kapital (als Arbeitskraft einsaugender, sich selbst verwertender Wert ) funktioniert oder als ‚normales‘ Geld. Als Kapital scheint Geld auch noch die Kraft der scheinbar automatischen Selbstvermehrung zu bekommen. Die reale Mehrwertproduktion aus der verausgabten lebendigen Arbeitskraft scheint aus dem Kapital als solches hervorgegangen zu sein. In der Form des Arbeitslohnes scheint die ganze Arbeit bezahlt zu werden. Er scheint der Preis der geleisteten Arbeit zu sein. Dabei deckt er nur die Reproduktionskosten der Arbeitende und verdeckt das Motiv der Produktion, die Herstellung von ‚mehr Wert’ aus den beschäftigten Arbeitskräften... ) Im Zins, im Profit, im Kredit, im Börsengewinn usw. verschleiert sich die Herkunft dieser ‚wundersamen Geldvermehrung‘ weiter. Es ergibt sich durch den Warentausch, der sich u.a. im Geld ausdrückt, ein hochabstrakter, naturwüchsig selbst-regulativer Mechanismus der Vergesellschaftung. Alfred Sohn-Rethel beschreibt das folgendermaßen: „Die abstraktifizierte Einheit der Welt kursiert als Geld zwischen den Menschen und ermöglicht ihren bewusstlosen Zusammenhang zu einer Gesellschaft. (...) Die Abstraktionsform der Austauschbarkeit ist also das Produkt der zwischenmenschlichen Betätigung dieses Solipsismus bzw. Privatcharakters des Eigentums an den Waren. Die Abstraktion entspringt der zwischenmenschlichen Verkehrsrelation; sie entspringt nicht im Einzelbereich, nicht im Apperzeptionsbereich eines Eigentümers für sich.“ ) Das bedeutet, dass die einzelnen Austauschenden zunächst gar nicht merken können, was sie an hochabstrakten ‚Begleitprodukten’ durch die Flut ihrer Warenaustauschakte indirekt mitproduzieren. Unter anderem stellen sie über die Austauschakte einen besonderen gesellschaftlichen Zusammenhang als scheinbares Naturgesetz (Wert - Vergesellschaftung) ) her, dem sie dann hilflos/machtlos ausgesetzt sind. Was vermag ein Politiker gegen Wirtschaftskrise, Börsencrash, grundlegender Armut von mehr als einem Drittel der Menschheit...? Die Tauschabstraktion geht nicht aus bewusstem Handeln der Beteiligten hervor. Sie ist das indirekte Ergebnis einer riesigen Anzahl von einzelnen Austauschakten. Die jeweils Beteiligten haben nur ihr privates Wirtschaften im Sinn. Sie produzieren jedoch damit (sozusagen als folgenreiche notwendige 'Nebenwirkung') nicht nur den Wert der jeweiligen Produkte durch ihre durchschnittlich gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Der Wert und die unterschiedlichen Mehrwert- und Profitraten regulieren die Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit qualitativ und quantitativ in den verschiedenen Branchen und Bereichen, also letztlich den gesellschaftlichen Zusammenhang aller Warenproduzenten und Warenhändler. Die Privatproduktion wird erst über die Austauschakte indirekt eine gesellschaftliche Produktion. Die einzelnen Menschen als bewusst zusammenwirkende Individuen bewirken also nicht ihren gesellschaftlichen Zusammenhang, sondern ihre Handlungen tun das, ohne dass die Beteiligten es beeinflussen können. Dennoch haben die Handelnden in der Austauschsituation all ihre Sinne beisammen und richten sie auf die unmittelbare Transaktion und den Zusammenhang mit ihren gesamten persönlichen Interessen daran. Diese Verkehrsweise ist auf einen hochabstrakten Formalismus reduziert, der ständig in raum-zeitlicher Realität abläuft. Das Medium dieser ungesellschaftlichen gesellschaftsweiten, ‚globalen’ Regulation hat seine dingliche Gestalt im Geld als allgemeinem Repräsentanten der Warenwelt gewonnen. Geld ist materieller Träger von Wert, also Ausdruck von etwas rein Gesellschaftlichem, das trotzdem sehr wohl in dinglicher Gestalt erscheint. So als ‚Ding’ handhabbar, stellt es im Bereich des Wirtschaftens und darüber hinaus wirkend den gesellschaftlichen Zusammenhang her. Also eine ‚Hochabstraktion‘, eine Abstraktion, bzw. ein abstrahierendes Vermögen, das wirklich von allem Inhalt absehen kann, geht aus der Austauschaktion selbst hervor. An der Oberfläche bleibt nur die Scheinerkenntnis: 'Money makes the world go round' – ‚Geld regiert die Welt’. Jedoch wenn durch einen gewohnheitsmäßigen Austausch das Wert(preis)kalkül erst einmal verinnerlicht ist, kann sich diese Fähigkeit zu hochabstraktivem Verhalten wahrscheinlich leicht der Tendenz nach vom Austausch selbst ablösen und in alle Lebensbereiche einwandern. Diese spezielle Abstraktion wird auch zur Grundlage des ‚modernen‘ Zahlbegriffes, der Begriffe der klassischen Mathematik und der damit verbundenen abstrakten Gleichsetzung, ja, des strikten analytischen Denkens und der ‚abendländischen Rationalität‘ überhaupt. )

Vorschlag zum weiteren Vorgehen

Das Interesse des Käufers von Waren erschöpft sich im Konsum oder Genuss. Das Geld bleibt hier für den Käufer der Vermittler. Doch wer kaufen will, muss vorher verkauft haben, um Geld zu bekommen (..und sei es die eigene Arbeitskraft). Der Standpunkt des Verkäufers kann sich vom Verkaufen, um die lebensnotwendigen Dinge zu kaufen zum Verkaufen um des Verkaufens willen entwickeln, zum Sparen, Horten, Sammeln, Schatzbilden (als Geld oder haltbarere Ware...), zur Wertabstraktion in sinnlicher Gestalt. Der Schatz stellt Macht dar über die Arbeit anderer Menschen, sofern er wiederum darin umgetauscht werden kann. Die Gebrauchswertorientierung kann durch die Intensität der Austauschaktionen selbst in eine Tauschwertorientierung umkippen ... („Tanz ums goldene Kalb“). Das Schatzbilden bleibt aber schließlich wieder an der Gebrauchsgestalt hängen oder beim bloßen Geldsammeln. Erst wenn Geld als Kapital funktioniert, also Lohnarbeit einsaugt und damit Mehrwert produzieren lässt, wird es sich selbst verwertender Wert, also ‚automatisches Subjekt‘, das sich die Gesellschaft unabhängig von ihrer menschlichen Ausfüllung in sachlicher Gestalt unterwirft. ) Das Absehen der Warenbesitzer von allen persönlich Besonderheiten, von allen Besonderheiten (Qualitäten) der Austauschgüter, die ideele Herstellung eines abstrakten Raum-Zeit-Kontinuums ... fördert diese Art Abstraktionsfähigkeit bei den Beteiligten. Diese Fähigkeit zu abstrahieren von aller sinnlichen Konkretheit der Wahrnehmungen ist durch den Grad der Abstraktion selbst auf alle anderen außerökonomischen Lebensbereiche (und auf die Produktion selbst...) übertragbar. Sobald also Warenproduktion und -austausch sich in einer Gesellschaft verdichtet, besteht diese Möglichkeit. Es ist eine Art ‚Selbstanwendung der Warenabstraktion auf sich selbst’, also eine Abstraktion von der ökonomischen Sphäre ...

¨Wie läuft genau die Übertragung dieses (näher zu beschreibenden...) Abstraktionsvorganges und auch aller übrigen Bestimmungen, die den Beteiligten aufgeprägt werden, auf Vorgänge außerhalb des Austausches?? Hier seien einige dieser Bestimmungen nur aufgezählt, die als Handlungsmaximen aus dem Warentausch hervorgehen:

- Orientierung am (Waren- und Geld-) Wert (allgemeine Käuflichkeit und Veräußerlichkeit )

- abstrakte Quantität (Proportionalität; Zahlenfetischismus) - abstrakte Zeit / abstrakter Raum (auch: Rolle der Mathematik)

- abstrakte Sinnlichkeit (siehe unten

- Beförderung der Subjekt-Objekt-Abtrennung durch den Warenaustausch

- Marktgarantie, - macht ( Funktion des Staates und internationaler Institutionen)

- Vereinzelung , Konkurrenz und Gleichgültigkeit (Warenaustausch als Quelle struktureller Einsamkeit)

- „Freiheit, Gleichheit, ‚Brüderlichkeit’“ (Prozess der Idealbildungen aus der Situation des Warenaustausches heraus)

- abstrakter Maximalismus (die Liebe zur Höchstleistung als solcher...)

- die ästhetischen Beeinflussungen durch die Warenästhetik

- ‚Strategie und Taktik’, als vom Warentausch induziertes Verhalten

- strukturelle Unehrlichkeit der Warentauschenden ( auch: latente Bereitschaft zum Raub )

- dem Warentausch entspringende allgemeine Verhaltensverunsicherung, (durch die ‚Doppelbödigkeit‘ des darin eingeschlossenen menschlichen Verhaltens ...)

Als erstes wäre eine Ableitung dieser Erscheinungsmerkmale als aus dem Warentausch mit beeinflusst zu leisten. Dann wäre ein Übergang von der speziellen Sphäre des Warentausches zur Privatsphäre und zur öffentlichen Sphäre und zum Staat zu entwickeln. ) In einem dritten Schritt wäre zu fragen: Spiegeln sich in den einzelnen Merkmalen der Warenprägung eher Verhaltensnormen oder eher Denkmuster wider? Und: wie hängen diese beiden Ebenen jeweils zusammen? Wie werden überhaupt aus Verhaltensnormen Denkmuster und umgekehrt ? In einem vierten Schritt wäre zu untersuchen, wie die im Warenaustausch entstandenen Wirkungen auf die Warenproduktion zurückwirken. Was verändert sich an diesen Merkmalen, wenn aus der einfachen Warenproduktion die kapitalistische Warenproduktion geworden ist? Dann wäre an ausgewählten außerökonomischen Bereichen nachzuzeichnen, wie Warenbeeinflussungen hier einwandern und diese Bereiche verändern ... Schließlich wäre aus einem ergänzenden Studium zur persönlichen Warensozialisation einzelner Menschen die Frage zu klären: Welche persönlichen Charakterprägungen können sich durch den Vollzug der Warenfunktionen ergeben? ) Daraus ergäbe sich u.a.. die Frage: Wie können Erfahrungsräume gestaltet werden, in denen die Menschen ihre abgespaltenen gesellschaftlichen Kräfte wieder in ihre lebendige Person als Rekonkretisierung zurücknehmen könnten?

Die Abspaltung von Sinnlichkeit im Austauschprozeß

Abschließend soll noch etwas zur Rolle der Sinnlichkeit im Warenaustausch ausgeführt werden. Es findet ein Aufschub der Gebrauchs - Gelüste im Austausch statt, auf die Zeit danach. Käufer : Erst kaufen, dann genießen. Verkäufer: Erst verkaufen, dann benötigte Waren kaufen, dann genießen ) Im Austausch selbst spielt die Sinnlichkeit in Bezug auf die auszutauschenden Waren schon eine indirekte Rolle: Dem Käufer schwebt die spätere (genussvolle...) Verwendung der jetzt zu kaufenden Ware vor. ) Der Verkäufer bemüht sich, die vielfältigen Verwendungsweisen/ Genussweisen der von ihm jetzt angebotenen Ware hervorzuheben. Bis hierhin verändert sich die Sinnlichkeit nur durch den Aufschub. Die Menschen ‚lernen’ den Aufschub von Bedürfnissen; der Genuss erscheint dann als ‚Belohnung für den guten Handel‘ (Siehe zahlreiche Märchen...) . Erst, wenn das ‚Wertsein’ der Dinge gesellschaftsweite Bedeutung bekommen hat, kommt eine neue Dimension hinzu. Dieses Wertsein selbst bekommt eine eigene sinnliche Qualität. ) Die Sinne des Warenbesitzers (auch des gewöhnlichen ‚Konsumenten‘) erfreuen sich nicht nur an der direkten Benutzung des erworbenen Gegenstandes, sondern das Bewusstsein des Wertseins verbindet sich mit den sonstigen sinnlichen Eindrücken von dem Gegenstand. Es wird ‚geil‘, sich mit wertvollen Gegenständen zu umgeben und sie zu benutzen ... Dabei sucht sich das Wertsein spezielle (geschichtlich sehr wandelbare) Zeigeformen von Wertanhäufung, um sich zum Ausdruck zu bringen. (Lasse hier versuchsweise Revue passieren, wie in Hamburg die reichen Leute in den letzten 200 Jahren ihren Reichtum in der Öffentlichkeit und privat zeigten und wie sie es heute zeigen ...) Mit der Intensivierung der Warenbeeinflussungen durch größere Vollzugsdichte des Warenaustausches wird auch die sinnliche Wahrnehmung doppelbödig: Die Dinge sind einerseits wie sie sind; andererseits werden sie durch ihr unterschiedliches Wertsein anders akzentuiert wahrgenommen. In die Unmittelbarkeit der Wahrnehmung geht das Wissen um das unterschiedliche Wertsein der Dinge mit ein.

WIE wirkt sich das Wertbewusstsein auf die Wahrnehmung und dann auf das ästhetische Empfinden aus? Wie wäre das zu erforschen...? Die Geschichte der Warenbeeinflussungen ist u.a. eine Geschichte der Gestaltungen der Warenoberflächen, um durch ihr ‚Liebeswinken‘ ihre zielgruppengenaue Verkaufbarkeit zu erhöhen. Menschen, die lebenslang von diesen käuflichen Dingen eng umschlossen leben, haben ihre ganze Wahrnehmung auf diese Gestaltungen des ‚schönen Scheins‘ ausgerichtet. Es ist gar nicht mehr zu bestimmen, wie ihre Wahrnehmung ohne diesen Wirkungsstrang aussehen würde. Es ist auch nicht allein die Werbung und das Produktdesign, die eine Ästhetik der Verkaufbarkeit und Käuflichkeit fördern. Es kommt z.B. die Privatisierung öffentlicher Räume und die prägende Rolle der Massenmedien hinzu. Folgendes gerät jedoch bisher weniger ins Blickfeld der Kritik: Die bei einer ‚Kunden’mehrheit inzwischen verinnerlichte, normative Warenästhetik in den Menschen selbst ‚fordert‘ inzwischen schon die bestimmten Produktantworten in den Gestaltungen, die dann auch auf den Märkten erfolgreich sind. ) Für jedes Bedürfnis, wenn es sich nur in ausreichender Menge aufspüren oder wecken lässt, wird eine Warensorte teils in gewaltigen Kampagnen geschaffen, die dieses Bedürfnis verspricht zu befriedigen. Die Bedürfnisse selbst sind dadurch schon sehr weit vorstrukturiert, nur durch Käufliches befriedigt werden zu können. Das ist hier jedoch nur These und Vermutung. WIE diese ästhetische Normierung und indirekte Bedürfnislenkung nach vermeintlich freiem Willen funktioniert, ist bisher wenig erforscht. Fast gänzlich unerforscht sind die tiefenpsychologischen Verwurzelungen der Waren-beeinflussungen. Wie verbindet sich beispielsweise der Heißhunger nach ‚Mehr‘, der Kult des Habenwollens und der abstrakten Menge mit einer tief verankerten ‚Bedürftigkeit‘ durch frühkindliche oder sogar pränatale Schädigungen? Wie 'springt' die individuelle Kauf- und Konsumentscheidung gerade in die Lücke von frühkindlich erworbenen schmerzlichen Mängeln? Wie verbinden sich Warenbeeinflussungen, 'Warensucht‘, Kaufsucht mit anderen Süchten der Menschen ? Fragen über Fragen ... Wer ist auch neugierig, das weiter zu klären ??

Ergänzung : Mit unseren 'qualitativen Interviews zu Waren und Geld' - bisher sieben - haben wir jetzt angefangen, eine empirische Basis zu legen zur systematischen Aufhellung der oben aufgerissenen Fragen.

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Fußnoten:...werden noch erneuert!!

1) Der Ausdruck 'Prägungen' trifft die sehr tief gehenden (Selbst-)Beeinflussungen der Menschen durch den Vollzug der Warenfunktionen, die ja ohnehin schon eine gegenüber dem Einzelnen mächtige gesellschaftliche Struktur bilden, nicht so gut: weil diese Einflusse den einzelnen Menschen keineswegs äußerlich bleiben...

2 ) Marx-Engels Werke Bnd. 23, S. 49 - S. 108; und: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW 42, S.49 bis S.105.

3) Die andere Ware a, die (aktiv) ihr Wertsein in der Naturalgestalt der Ware b ausdrückt, befindet sich so mit in relativer Wertform. (MEW 23, S.63 - 69 )

4 ) MEW 23, 70/71

5) MEW 23, S. 73

6) MEW 23, S. 81

7) MEW 23, S.87

8) Das Bertelsmann Lexikon in vier Bänden, 1953, meint zum Stichwort ‚Solipsismus‘ : „In der Erkenntnistheorie die Lehre, dass das eigene Ich die Voraussetzung aller Realität ist; zumeist in der Form des methodischen Solipsismus (Diersch, Husserl); auch : praktischer Solipsismus (hier: Max Stirner , Der Einzige und sein Eigentum‘ ). Zur Kritik an Max Stirner siehe auch: Hans G. Helms: Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, Max Stirners ‚Einziger‘ und der Fortschritt des demokratischen Selbstbewußtseins vom Vormärz bis zur Bundesrepublik, Köln, 1966, und: Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie -, besonders: S. 101 bis 438; in MEW Band 3, Berlin 1969.

9) Zum Begriffspaar ‚Besitz und Eigentum‘ : Besitz wird hier verstanden als tatsächliche Verfügungsgewalt und mit Eigentum bzw. Eigentumsordnung sind die einer Gesellschaft zu Grunde liegenden Besitzregelungen gefasst , wie z.B. Stammeseigentum. Familieneigentum, Privateigentum, Gemeinschaftseigentum ... Der Warentausch ist in diesem Sinne die Geburtsstätte der wechselseitigen Anerkennung in einer neuen Eigentumsordnung, des Privateigentums.

10) Anfangs geraten zeitweilig entstehende Überschüsse auf den Markt. Bei steigendem Umfang und größerer Regelmäßigkeit des Austausches wird zunehmend für den Markt produziert; die Produktion beginnt sich auf die Bedürfnisse des Marktes einzustellen.

11) Es „untersteht der Warentausch in jedwedem Einzelfall dem Prinzip der privaten Entgegensetzung der beiden Eigentumsbereiche. Mein - also nicht dein, dein - also nicht mein: ist das Prinzip, das die Logik des Verhältnisses beherrscht. Dieses Prinzip ergreift jegliche Einzelheit in dem Maße, als sie für die Transaktion Relevanz gewinnt. Es bewirkt auch das Verhältnis jedes der Kontrahenten zu den Gegenständen, die zum Austausch stehen. Daß sein Interesse an demselben sein Interesse und nicht das des anderen ist, seine Vorstellung von ihnen eben die seinige, daß die Bedürfnisse, Empfindungen, Gedanken, die im Spiele sind, polarisiert sind darauf, wessen sie sind, ist das, was zählt, während die Inhalte zu monadologisch oder solipsistisch unvergleichbaren Realitäten für die Tauschpartner einander gegenüber werden. Der Solipsismus, demzufolge unter allen jeder für sich der Einzige (solus ipse) ist, der existiert, und wonach ferner alle Daten, soweit sie Tatsächlichkeit besitzen, privat die seinigen sind,- der Solipsismus ist die genaue Beschreibung des Standpunktes, auf dem im Warenaustausch die Interessenten zueinander stehen. Richtiger gesagt, ihr tatsächliches Verhalten zueinander im Warentausch ist praktischer Solipsismus, gleichgültig was sie selbst über sich und ihr Verhalten denken.“ (Sohn-Rethel, Geistige und körperliche Arbeit, 1972, S. 66; siehe auch dort die Fußnote dazu!) Kritische Anmerkung zu Sohn-Rethel: Allerdings muss der Standpunkt des vereinzelten Einzelnen im Warenaustausch auch immer wieder in Kontakt mit den anderen Austauschenden gebracht werden, sodaß über diesen austauschnotwendigen Kontakt auch die Verabsolutierung des Solipsismus gebremst wird... Auch zeigt sich dieser Solipsismus nur vom Standpunkt des Warenaustausches; vom Standpunkt einer Produktion für den Markt zeigt sich ein ganz anderer Standpunkt. Der Standpunkt des einfachen Warenproduzenten und des kapitalistischen Warenproduzenten kann hier nicht weiter ausgeführt werden...

12) Wobei zu betonen ist, daß die einfache Warenproduktion, in der die Arbeitskraft noch nicht zur Ware geworden ist, sehr verschiedenen historischen Epochen angehörte. Sie trat schon vor Tausenden von Jahren auf als Einsprengsel in die Stammesgesellschaften, 'an den Rändern der Gemeinwesen', später als Teil von Sklavenhaltergesellschaften, als Teil der mittelalterlichen Feudalwirtschaft mit Grundeigentum und Leibeigenschaft, schließlich auch als Teil der bürgerlichen Gesellschaft, die bis auf den heutigen Tag Kleinhandel und Kleinproduktion über den Markt für den unmittelbaren Bedarf kennt. -- Siehe dazu Rudolf Wolfgang Müller a.a.O., S. 92 , besonders Anmerkung 71 , S. 351/52 !

13) Wobei ‚Markt‘ überall dort sich bildet, wo dieser Austausch ungestört vor sich gehen kann. Das bedarf allerdings, um sich stabil zu vollziehen äußerer Garanten. ( Hier könnte sich eine geschichtliche Reflexion über die Geschichte der jeweiligen Garantie- und ‚Schutz‘- mächte der Warenmärkte und über die Rolle der jeweiligen Staatlichkeit bei der Entwicklung von einfacher und kapitalistischer Warenproduktion anschließen...)

14) Vielleicht war dafür das Erinnerungsvermögen und das bildhafte Vorstellungsvermögen entwickelter ... Das soll hier jedoch nicht ausgeführt werden. Hier geht es nur um ein bestimmtes Ich-Bewußtsein und ein Vermögen Hochabstraktionen zu bilden, dass aus dem Warentausch hervorgegangen ist. Diese neue Ich-Konstitution ist sicher auch durch die vorausliegende Sprachentwicklung, besonders die der Schriftsprache, gefördert worden.

15) Siehe auch: Marcel Mauss, Die Gabe, Form und Funktion des Austausches in archaischen Gesellschaften, Frankfurt am Main, 1968, 3. Aufl. 1996. Zum Beispiel S. 39 : „Doch diese enge Verquickung von symmetrischen und antithetischen Rechten und Pflichten hört auf, widersprüchlich zu sein, wenn man begreift, dass es sich hier vor allem um eine Verquickung von geistigen Bindungen handelt: zwischen den Dingen, die in gewissem Grad Seele sind, und den Individuen und Gruppen, die einander in gewissem Grad als Dinge behandeln.“ Also schon in dieser Frühform von noch nicht ‚rein‘ abgelöstem Tausch tritt die von Marx analysierte Verkehrung von Persönlichem und Sachlichem auf! Weiter dazu Marcel Mauss: „Und alle diese Institutionen bringen nur eine Tatsache zum Ausdruck, ein soziales System, eine bestimmte Mentalität; daß nämlich alles - Nahrungsmittel, Frauen, Kinder, Güter, Talismane, Grund und Boden, Arbeit, Dienstleistungen, Priesterämter und Ränge - Gegenstand der Übergabe und Rückgabe ist. Alles kommt und geht, als gäbe es einen immerwährenden Austausch einer Sachen und Menschen umfassenden geistigen Materie zwischen den Clans und den Individuen, den Rängen, Geschlechtern und Generationen.“ (Hervorhebungen von M. Mauss) Die Einzelnen erscheinen hier als anhängiger Teil dieses gemeinschaftlichen, ganzheitlichen Prozesses, der sich aber auch schon in gewisser Weise vom Tun der einzelnen Gemeinschaft verselbständigt hat.

16) Besonders deutlich wird diese abstrakt-identitäre Charakterprägung bei Menschen, die sich besonders intensiv in das (Waren-)Wertspiel hineinbegeben: der Händler, der Spieler, der Sammler, der Schatzbildner, der Börsianer, usw..

17) Siehe z.B. Rudolf Wolfgang Müller : Geld und Geist, 1977, S. 226 ff. über die Sprache der vietnamesischen Bauern und die Identität in vor - warenproduzierenden Gesellschaften; siehe auch ebenda S. 246 - 257 !

18) Wichtig ist mir, diese frühe '(Zwangs-)Gemeinschafts-Ich' nicht zu idealisieren und auch nicht gleichzusetzen mit einer eventuell anzustrebenden freiwilligen, selbstbestimmteren Gemeinschaft, die ja besonders eine kreative Individualität weiter fördern sollte... Dabei wäre der Doppelcharakter der durch den Warenaustausch mit ermöglichten Ich-Identität, einerseits als Abstraktionsvermögen, anderseits als verinnerlichtem einseitigen Abstraktionszwang, deutlicher herauszuarbeiten.

19) Siehe Rudolf Wolfgang Müller : Geld und Geist, S. 25 ff. und S. 121/22 zur Geldvorstellung von Aristoteles; und S. 125 - 133 zu Platos Geldbegriff im ‚Staat‘ und in den ‚Gesetzen‘.

20) Auch Herakleitos, der in einer Übergangszeit zu intensiverer Warenproduktion lebte, konnte auf seine Vorstellung von dem Zusammenhang und der Einheit des scheinbar nur Gegensätzlichen (z.B. von Subjekt und Objekt...) nur kommen, weil sich in seiner Zeit dieser abgetrennte, zweckfreie Beobachter-standpunkt, der sich aus dem Privatstandpunkt bilden könnte (der die griechischen (Natur-)Philosophien erst ermöglichte...) , sich noch nicht so verfestigt hatte. Im Sinne des „alten" Denkens konnte er 'Dinge' und 'Selbst' noch zusammenbringen. Im Sinne schon warengeprägten Denkens konnte er gleichzeitig 'Dinge' und 'Selbst' klar auseinanderhalten. Näher herauszuarbeiten wäre, wie eine Verdichtung des Warenaustausches erst die strukturelle Subjekt-Objekt-Trennung im „modernen" Denken ermöglichte und sich diese Trennung von der Ökonomie auf andere Lebensbereiche übertrug.

21) Der Begriff des Gebrauchswerts meint die verschiedenen konkreten Benutzungsweisen durch die Menschen, ist aber vermittelt mit dem Wertbegriff über abstrakt menschliche Arbeit. Nur in Bezug auf den Wert werden die verschiedenen konkret - nützlichen Seiten der Dinge zum abstrakt benennbaren ‚Gebrauchswert‘ , der Gebrauchswert ist also schon wertvermittelt und meint ein Moment, eine Seite der Ware. Zu ‚Theorien des Gebrauchswertes' siehe unter anderem Ausführungen von Horst Kurnitzky, Versuch über Gebrauchswert, Berlin 1970.

22) Zum Zusammenhang von Wert und Preis: Wert ist eine Wesenskategorie , Wert ist das, auf was hin der geständige Austauschreduktionsprozeß die Waren reduziert, nämlich auf die sich darin ausdrückende gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit. Wert kann sich nicht direkt oder unmittelbar zeigen, sondern nur als Tendenzgesetz über die Masse der Austauschhandlungen (sich zeigend über die Masse der unterschiedlichen Preise in den einzelnen Austauschakten...) indirekt durchsetzen. Preis dagegen meint das jeweils erzielte Austauschverhältnis in den einzelnen Austauschakten und auch die Vorstellung davon, die den Akteuren im Austausch als für ihre Waren zu erzielend vorschwebt.\\ Für die einzelnen Akteure ist es ein zu erzielender möglichst hoher oder niedriger Preis, der ihr kalkulierendes Handeln in diesem Austausch bestimmt.

23) Diese im Tauschen selbst nahegelegte Überlegung und die damit angeregte Sparsamkeit als Tugend zur letztlichen Bedürfnisbefriedigung spielt in etlichen deutschen Märchen eine Rolle. Hans im Märchen ‚Hans im Glück‘ fehlt dem Hans dieses ‚vernünftige‘ Wertkalkül. Er arbeitet sieben Jahre, ist sparsam und bekommt als Lohn einen Goldklumpen. Auf seinem Weg nach Haus sieht er nur immer die ihm naheliegenden Gebrauchsmöglichkeiten der ihm zum Tausch angebotenen Dinge. Er verliert dabei den Tauschwert aus dem Auge, verliert dadurch schließlich seinen Siebenjahreslohn. Aber er ist glücklich... Das unterstreicht zwar einerseits, dass Geld/Gold (Klumpen!) nicht glücklich macht, hebt aber auch eine bestimmte ‚Dummheit‘ von Hans hervor. Es wurde damals wohl als lustig empfunden, dass er nicht tauschen kann, was jedes Kind schon wie selbstverständlich gelernt hat. Am Ende des Märchens ist Hans ‚arm, aber glücklich‘. Er ist wieder ‚bei Muttern‘ (Regression!), kann/muss also wieder von vorn anfangen mit der Sicherung seines Lebensunterhaltes ...

24) siehe dazu MEW 23, S. 62 - S. 85; siehe auch: Rudolf Wolfgang Müller , a.a.O., S. 29 bis 46.

25) Die Sparsamkeit des Käufers als handlungsleitendes Motiv kann sich vom ‚Sparen für den Winter‘ (Vorratsbildung - Gebrauchswertstandpunkt; hier sind ‚Rationalisierungen‘ im psychologischen Sinne möglich ...) in ein ‚maßloses Sparen‘ umschlagen, zu einem praktischen Kult der abstrakten Menge. Das wird nur unpraktisch, wenn es sich um verderbliche Güter handelt... Beispiel: Die Aktion ‚Denke dran, schaff Vorrat an‘ im Westdeutschland der 50er Jahre., getragen von der Angst vor einem Atomkrieg.

26) Das geht nur, wenn die verschiedenen Dinge auf ein Drittes (Gold/Geldware)) bezogen werden, von beiden ein Mehr oder ein Minder darstellen... Diese Gleichsetzung von an sich ungleichen Dingen als zwei bloße Mengen fördert das Denken der mathematischen Gleichsetzung. Statt dieser Gleichsetzung aller produzierten Dinge unter dem Aspekt der darin verausgabten abstrakten Arbeit (Wert) wäre auch eine Gemeinschaftsproduktion denkbar mit der Austauschformel: ‚Ich gebe dir, was du brauchst; du gibst mir, was ich brauche‘ .

27) Das Austauschverhältnis legt Kampf nahe; die Beteiligten müssen allerdings nicht kämpfen. Es herrscht innerhalb des Verhältnisses eine 'doppelte Kontingenz', d.h. jede (r) der Akteure ist in seinem Verhalten völlig offen.

28) Siehe als Kontrast dazu Th. W. Adornos Anspruch: ‚Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen kannst, ohne Stärke zu provozieren ...‘. Siehe u.a. W.F. Haug, Kritik der Warenästhetik, S. 70 ff.

29) Einer gezeigten Freundlichkeit eines Menschen ist es zum Beispiel nicht ohne Weiteres zu entnehmen, ob sie verkaufsfördernd gemeint ist, oder eine einfache menschliche Reaktion.

30) Die Charaktermaske des Verkäufers verselbständigt sich in für sich auftretende Teilfunktionen: Inzwischen wird die Ware meist nicht mehr persönlich angepriesen, sondern sie wird ‚in Szene gesetzt‘ in einer ‚Verkaufslandschaft‘ und es wird in verschiedenen Medien dafür feldzugartig geworben. In den Massenverkaufs-Funktionen geht der Kontakt von Mensch zu Mensch zunehmend verloren. Er wird eher romantisierend nachgeschoben auf den an allen Orten blühenden Flohmärkten, auf denen Teile des wachsenden Überflusses und Überschusses noch wieder als waren mit direkten 'WarenhüterInnen' umgesetzt werden. Seit Beginn der 50er Jahre wird (von den USA ausgehend) zunehmend die Werbepsychologie systematisch zur Verkaufsförderung von Massenprodukten eingesetzt. Von all diesen abgeleiteten Formen von Teilfunktionen des Warenverkaufs soll hier noch nicht die Rede sein.

31) Siehe auch George Thomsen, Die ersten Philosophen , Forschungen zur altgriechischen Gesellschaft II (first published 1955, London) und derselbe: Frühgeschichte Griechenlands und der Ägäis, Forschungen zur altgriechischen Gesellschaft I, (first published 1949, London) Interessant ist, daß Thales von Milet (ca. 625 bis 545 v. Chr. Geb.), Anaximandros von Milet (611 bis 540 ), Anaximenes aus Milet (585 bis ca.527), Pytagoras (ca. 580 bis 500), Xenophanes (570 bis ca. 490), Parmenides von Elea (ca.525 bis ?), Herakleitos von Ephesos (ca. 540 bis ?) und einige andere 'erste Philosophen' alle innerhalb von ca. 50 Jahren wirkten und sich teils auch gegenseitig weiter brachten. Es war die Zeit kurz nachdem sich das münzgeprägte Geld im östlichen Mittelmeerraum schnell verbreitet hatte, als Ausdruck eines sich verdichtenden Warenhandels...Ein direkter Zusammenhang zwischen Wärenprägungen und der Geburtsstunde des hochabstrahierenden Denkens ca. um 500 v. Chr. Geb. wäre dazu wäre allerdings erst noch weiter nachzuweisen.

32) Zu den verschiedenen zueinander in Widerspruch geratenen Funktionen des Geldes als Geld siehe Karl Marx, MEW 42, Grundrisse ..., Der Umlauf des Geldes‘ S. 117 - 164.

33) „Eine Ware scheint nicht erst Geld zu werden, weil die anderen Waren allseitig ihre Werte in ihr darstellen, sondern sie scheinen umgekehrt allgemein ihre Werte in ihr darzustellen, weil sie Geld ist. Die vermittelnde Bewegung verschwindet in ihrem eignen Resultat und läßt keine Spur zurück.“ (MEW 23, S. 107)

34) Alfred Sohn-Rethel, Geistige und körperliche Arbeit, Zur Theorie der gesellschaftlichen Synthesis, Frankfurt a. Main, 1972, S. 72/73.

35) In weiterer Forschung gilt es, der Charakter dieser besonderen Wert - Vergesellschaftung über die einzelnen Warenaustauschakte näher zu bestimmen. Zu untersuchen wäre die Bedeutung Rolle des geringen Aktivitätsgrades in Bezug auf die Regulation der gemeinschaftlichen Verhältnisse, wie Menschen in diese relative gemeinschaftliche Inaktivität hineinsozialisiert werden und wie unter Umständen der Aktivitätsgrad auf Grundlage freiwilliger Selbstbestimmung nachhaltig zu heben wäre... Welche Vergesellschaftungsweisen gingen dem Kapitalismus historisch voraus? Gibt es direkte Vergesellschaftung der Menschen durch die Menschen selbst und eine Ökonomie im Dienste der Menschen ? Gibt es Möglichkeiten einer Basisplan-Wirtschaft, eines selbstimmteren, demokratischen Wirtschaftens ? Oder stürzt das mit Notwenigkeit binnen kurzer Zeit wieder in die Naturwüchsigkeit der Marktregulation zurück ? Wie sind die Komlexitätsprobleme bei den 'direkten Verabredungen' darüber, was und wieviel hergestellt werden soll zu lösen??

36) Hier die Erarbeitungen von Rudolf Wolfgang Müller, Geld und Geist, Frankfurt a. M. 1977 miteinbezogen werden. Auch die speziellen Formungen des 'freien Willens' , der 'abendländischen Vernunft' und das eher 'imperiale' Verhältnis zur Natur können aus der Warenaustauschpraxis mit abgeleitet werden. Das würde allerdings hier den Rahmen sprengen.

37) Karl Marx, das Kapital, Band 1; MEW 23, S. 168/69.

38) Siehe den Text 'Warenaustausch und Staat' aus der Theoriegruppe des Arbeitskreises Lokale Ökonomie (2003).

39) Vollständiger: Erst arbeiten..., dann ... siehe oben !! (= weiterer Aufschub)

40) Diese Verwendung kann natürlich auch eine ‚produktive Konsumtion‘ in einem Produktionsprozess sein ...

41) Essen fängt an, anders zu schmecken im Bewußtsein seines Wertes, ein Gemälde, dass sehr ‚wertvoll‘ ist wird anders betrachtet, usw.. Klassisch : Die Sinnlichkeit des Schatzbildners; aber auch: die Sinnlichkeit des (Briefmarken- , Bierdeckel- , Kunst- usw.- ) sammlers , und: die Wirkung von Waschmittel in unterschiedlichen Verpackungen auf die Käufer! --

42) Z. B. : Der Erwartungshorizont ‚beim Kunden‘, in dem Harry Potter, Teletubies, Pokemon,Eisbär Knut und vieles andere dann ‚erfolgreich am Markt‘ wird, ist schon längst vorher geschaffen ...

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5. April 2007


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