Früher nannte man es Solidarität. Die macht aber nur Sinn, wenn sie ganz praktisch gemeint ist. Es gibt sie kaum noch.

Egal ob Boom oder Krise: Ein harter und kalter Wettbewerb jeder gegen jeden breitet sich global weiter aus. Besonders im alltäglichen Kampf im Bereich der Erwerbsarbeit wird durch die Aktivität der beteiligten Menschen selbst der Stress hervorgebracht, auch wenn viele nicht besonders glücklich dabei sind. Wir fragen uns deshalb: Was sollen Menschen machen, die viel Erwerbsarbeit haben, sehr zeitknapp sind, kaum zur Besinnung kommen? Wie könnten sie merken, dass sie weitgehend leben, um diese Art Arbeit zu machen?
Was sollen Menschen machen, die diese Art Erwerbsarbeit nicht haben? Sie haben meist viel Zeit und wenig Geld, sind häufig auf ungesicherte Jobs angewiesen. Wie können sie ihre Lage praktisch verändern?
Seit fast 10 Jahren versucht der Arbeitskreis Lokale Ökonomie in Hamburg, praktische Antworten auf diese Doppelfrage zu entwickeln. In direkten Kontakt mit Menschen, die für sich und in Gemeinschaft etwas tun wollen, gehen wir aus von ihren/unseren Tätigkeitsideen. Hier, in zusammen gemieteten Räumen, können sie machen, was sie schon immer mal wollten. Daraus sind Projekte der gegenseitigen Hilfe entstanden, wovon der von uns ausgedachte Umsonstladen das bisher bekannteste ist.
Den Umsonstladen verstehen die meisten: Menschen bringen die nicht mehr von ihnen benötigten Gegenstände. Sie fangen an, sie als nützliche Dinge, nicht mehr als Waren zu behandeln. Andere, die gerade etwas benötigen, holen sich diese Dinge für den persönlichen Gebrauch. Aktive, die den Umsonstladen betreuen, erklären den häufig eher wertorientierten Menschen, dass sie die Sachen, die sie sich gebraucht gegenseitig weitergeben, nicht neu kaufen müssen. Eine Idee ist, dass, wenn man nicht so viel Geld benötigt, man vielleicht mittelfristig nicht so viel Erwerbsarbeit machen muss. Umweltfreundlicher ist es sowieso, nicht so viele 'Wegwerfartikel' herzustellen. Es gilt im Umsonstladen eine 3-Teile-Regel. Pro Besuch darf jeder bis zu drei nützliche Dinge mitnehmen. Die NutzerInnen können durch diese Begrenzung in der Menge überlegen, was sie wirklich brauchen. Geben und Nehmen sind locker verknüpft: Mal hast du mehr - mal brauchst du mehr. Wer über Wochen und Monate nur nimmt, bringt sich ja immer wieder in Erinnerung. Derjenige wird dann schon mal gefragt, ob er oder sie nicht auch etwas tun oder geben möchte. Die 3 -Teile Regel gilt übrigens bewusst auch nach innen: Wer bei uns aktiv ist (im Umsonstladen, oder in einem anderen Teilprojekt), kann sich auch für den persönlichen Bedarf aus dem U-Laden versorgen. Das ist Teil unserer gegenseitigen Hilfe.
Was in den letzten Jahren gewachsen ist, sind weitere Teilprojekte der gegenseitigen Hilfe, als praktische Kritik der Erwerbsarbeit. Das Kleinmöbellager funktioniert seit 5 Jahren so: Menschen bringen uns ihre überzähligen, funktionsfähigen Kleinmöbel - anstatt sie wegzuwerfen. Wir holen die Möbel auch, je nach Kapazität, mit unserem Transporter ab. NutzerInnen können bei uns Möbel für den persönlichen Gebrauch bekommen, für eine Aufwandsspende, deutlich unter Marktpreisen. Das deckt unsere Kosten (Räume, Transporter,Telefon...)).

Liste der Bedürfnisse
Sinn des Kleinmöbellagers ist es auch, umsonst Kleinmöbel für die Aktiven der gegenseitigen Hilfe bereitzustellen. Die Gruppe besteht jetzt aus 7 Leuten. Es kommen zur Zeit c. 80 NutzerInnen pro Woche.
Ähnlich funktioniert die Fahrrad-Selbsthilfewerkstatt: Zur Deckung unserer Kosten bitten wir hier die NutzerInnen um eine Aufwandsspende für die intensiven Hilfen bei der Fahrrad-Reparatur. Das Fahrradprojekt unterstützt durch seine Arbeit den Selbsthilfegedanken. Nur wer überhaupt nichts tun möchte von den NutzerInnen und Aktiven, soll zahlen. Die Aktiven der Projektgemeinschaft bekommen diese Hilfe umsonst, sollen aber bei der Reparatur auch selbst mit anfassen. Einer aus der Fahrradgruppe muss auch seinen Gelderwerb über die Fahrräder decken. Es ist verhandelt, dass er Fahrräder, aus eigenen Teilen zusammengebaut, verkaufen und kompliziertere Reparaturen gegen Bezahlung machen kann. Dafür beteiligt er sich an den Kosten für die Raummiete. Insgesamt ist der Projektgemeinschaft die Förderung der Fahrrad-Mobilität wichtig. Inzwischen gibt es auch Job-Coaching, psychologische, ärtzliche und Sozialberatung. Zwei von uns sind bereit, die Gartengruppe wieder zu aktivieren...
Hier entstehen seit ein paar Monaten einige kleine selbstbestimmte Lerngruppen. Wir geben uns gegenseitig anspruchsvolle Bildung ohne Geld. Bisher gibt es 8 Gruppen mit ca. 50 TeilnehmerInnen. 3 Aktive organisieren das zur Zeit. Weitere sind herzlich willkommen.
Ziel der Projektgemeinschaft ist es, einen Bereich der gegenseitigen Hilfe zu schaffen, in dem die Marktgesetze und -zwänge nicht gelten, in dem es merklich anders zugeht. Mittelpunkt dieser lebendigen Aktivitäten bleibt der Umsonstladen, den wöchentlich über 200 Menschen besuchen. Dort können viele zum ersten Mal Bekanntschaft mit der von uns angestrebten demokratischen Wirtschaftsweise machen. In dem langfristigen Prozess der freiwilligen Aktivierung bedeutet 'freiwillig' bei uns auch, dass Menschen Nähe und Abstand zur Projektgemeinschaft frei gestalten können. Wer mehr mit den anderen in Kontakt ist, bekommt auch mehr. Aber jemand kann auch ganz wenig tun und wird nicht gedrängt, mehr zu tun. Das fällt manchmal gar nicht so leicht. Wir versuchen, eine freiwillige Verantwortung zu entwickeln, also dass die Menschen die selbst zugesagten Tätigkeiten auch machen. 'Aktivierung' bedeutet, dass wir ermöglichen wollen, dass in unserem Freiraum Menschen langfristig Lust bekommen, sich einzumischen in das Gemeinschafts- und Gesellschaftsleben. Die Aktivierung soll dazu führen, dass sich im Laufe der Zeit der Anteil von Menschen, die diese Gemeinschaft aktiv gestalten und bestimmen erheblich erhöht. Wenn wir zum Beispiel eine Radiosendung machen, dann sprechen fünf für uns, aus jedem Projekt eine ... Dieser Versuch einer Aktivierung als (selbst-)kritischer Prozess und das (oben beschriebene) praktische Ausgehen von den Tätigkeitsbedürfnissen der Menschen unterscheidet uns noch von den meisten anderen Umsonstläden. Wir schlagen hiermit künftigen Umsonstladen-Initiativen vor, dass sie nicht einfach nur mit wenigen Aktiven die NutzerInnen 'bedienen', sondern versuchen weitere Projekte der gegenseitigen Hilfe zu ermöglichen und zu fördern.