Arbeitskreis Lokale Ökonomie Hamburg


Projektgemeinschaft gegenseitiger, solidarischer Hilfen

KRISISArbeitsbegriff

Ist Arbeit wirklich nur etwas 'Schlechtes' ?

Bemerkungen zum Arbeitsbegriff von Robert Kurz

Alle Welt spricht über die "Krise der Arbeitsgesellschaft" und über die "Zukunft der Arbeit". Um überhaupt miteinander sprechen zu können, ist es unerläßlich, sich darüber zu verständigen, was man jeweils unter Arbeit versteht. R. Kurz, der schon häufiger in CONTRASTE schrieb, meint: "Offensichtlich ist die Religion der "Arbeit" das gemeinsame Bezugssystem aller modernen Theorien, politischen Systeme und sozialen Gruppen." ) In die von ihm behauptete allgemeine 'Vergötterung' Arbeit schließt er vielfach Marx und den Marxismus ein. Weil einerseits relativ wenige Menschen Marx im Original lesen und weil es bis auf den heutigen Tag einen breiten Strom von Vulgär- und Primitivmarxismus gibt, in dem nur erstarrte Formeln gebraucht werden, ist es leicht für Kurz, Marx einiges zu unterstellen. Hier soll aufgezeigt werden, wieso es unwahr ist, Marx als Anhänger einer 'allgemeinen Religion der Arbeit' darzustellen. Was Arbeit in der aktuellen kapitalistischen Gesellschaft ist (und was aus ihr werden könnte), kann hier nur angedeutet werden. Eine hilfreiche Erklärung läßt sich nicht sinnvoll auf ein paar Schlagwörter reduzieren.

In einem Artikel aus der Zeitschrift 'Streifzüge' von 1998 schreibt Robert Kurz über 'Die Karriere der "Arbeit" : "In der Philosophie und Gesellschaftstheorie hat niemand den Begriff der "Arbeit" so sehr zur Grundlage seines Denkens gemacht wie Karl Marx. Und es war der Marxismus, der sich entschieden auf den Standpunkt der "Arbeit" stellte, um die große soziale Bewegung der Lohnarbeiter zu legitimieren. Philosophisch erscheint für den Marxismus die "Arbeit" als überhistorische Existenzbedingung des Menschen in seinem Verhältnis zur Natur."

Hierin stecken mehrere Unrichtigkeiten: 1. Marx hat niemals "den Begriff der Arbeit ... zur Grundlage seines Denkens gemacht". Zentral war für Marx nicht die Arbeit allgemein, sondern die besondere Arbeit, die in seiner Zeit und noch heute vorherrscht, die Lohnarbeit. Diese faßte er als 'Lebenselexier' des Kapitals, des sich selbst verwertenden Wertes. Das Kapital vermehrt sich durch Aneignung des Mehrwerts, also des Wertes, der über die bloßen Erneuerungskosten der Ware Arbeitskraft hinausgeht.

Ein entscheidend neues Element der Marxschen Analyse war die Entdeckung des Doppelcharakters der Arbeit, die Waren herstellt, als konkrete Arbeit und abstrakte Arbeit. Die in allen Waren steckende abstrakte Arbeit macht sie vergleichbar, austauschbar. In der Gesamtsumme der einzelnen Austauschakte auf dem Markt stellt sich erst der gesellschaftliche Zusammenhang der voneinander losgelösten Privatarbeiten her. Das andere Moment ist die jeweilige konkrete Arbeit, die die jeweiligen besonderen Produkte (als Waren) gestaltet. Es ist ein und dieselbe Lohnarbeit, warenproduzierende Arbeit, die diese beiden Momente an sich hat.

Versuchen, Arbeit jeweils historisch konkret zu fassen

2. In Marxens historisch-dialektischer Methode werden alle Begriffe zuerst in ihren historisch-konkreten, begrenzten Geltungsumständen gefaßt, bevor (als ein Aspekt) versucht wird, überhistorische Geltungsmomente in eben demselben Begriff zu bestimmen.

Als Beispiel mag ein Ausschnitt aus dem Methoden-Kapitel aus der "Einleitung zu den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie" genügen: Es geht ihm darum , im wissenschaftlichen Denken nicht zu immer dünn-abstrakteren Bestimmungen zu kommen, sondern zu einer "Reproduktion des Konkreten im Weg des Denkens." "Arbeit scheint eine ganz einfache Kategorie. Auch die Vorstellung derselben in dieser Allgemeinheit - als Arbeit überhaupt - ist uralt. Dennoch, ökonomisch in dieser Einfachheit gefaßt, ist "Arbeit" eine ebenso moderne Kategorie wie die Verhältnisse, die diese einfache Abstraktion erzeugen." Hier folgen Ausführungen darüber, wie Arbeit in der beginnenden bürgerlichen Gesellschaft allmählich immer allgemeiner, mehr losgelöst von jeglicher besonderen beruflichen, handwerklichen usw. Ausprägung gefaßt wurde. Dann fährt er fort:

"Nun könnte es scheinen, als ob damit nur der abstrakte Ausdruck für die einfachste und älteste Bezeichnung gefunden, worin die Menschen - sei es in welcher Gesellschaftsform immer - als produzierend auftreten. Das ist nach einer Seite hin richtig. Nach der anderen nicht. Die Gleichgültigkeit gegen eine bestimmte Art der Arbeit setzt eine sehr entwickelte Totalität wirklicher Arbeitsarten voraus, von denen keine mehr die alles beherrschende ist. So entstehn die allgemeinsten Abstraktionen überhaupt nur bei der reichsten konkreten Entwicklung, wo eines vielen gemeinsam erscheint, allen gemein. Dann hört es auf, nur in besonderer Form gedacht werden zu können. Andererseits ist diese Abstraktion der Arbeit überhaupt nicht nur das geistige Resultat einer konkreten Totalität von Arbeiten. Die Gleichgültigkeit gegen die bestimmte Arbeit entspricht einer Gesellschaftsform , worin die Individuen mit Leichtigkeit aus einer Arbeit in die andere übergehn und die bestimmte Art der Arbeit ihnen zufällig, daher gleichgültig ist. Die Arbeit ist hier nicht nur in der Kategorie, sondern in der Wirklichkeit als Mittel zum Schaffen des Reichtums überhaupt geworden und hat aufgehört, als Bestimmung mit den Individuen in einer Besonderheit verwachsen zu sein. Ein solcher Zustand ist am entwickeltsten in der modernsten Daseinsform der bürgerlichen Gesellschaften - den Vereinigten Staaten. Hier also wird die Abstraktion der Kategorie "Arbeit", "Arbeit überhaupt", Arbeit sans phrase, der Ausgangspunkt der modernen Ökonomie, erst praktisch wahr. Die einfachste Abstraktion also, welche die moderne Ökonomie an die Spitze stellt und die eine uralte und für alle Gesellschaftsformen gültige Beziehung ausdrückt, erscheint doch nur in dieser Abstraktion praktisch wahr als Kategorie der modernsten Gesellschaft. (...) Dies Beispiel der Arbeit zeigt schlagend, wie selbst die abstraktesten Kategorien trotz ihrer Gültigkeit - eben wegen ihrer Abstraktion - für alle Epochen doch in der Bestimmtheit dieser Abstraktion selbst ebensosehr das Produkt historischer Verhältnisse sind und ihre Vollgültigkeit nur für und innerhalb dieser Verhältnisse besitzen." (MEW 42,S.38/39)

Die Abstraktion Arbeit, wie sie heute so viel ohne weiteres Nachdenken benutzt wird, ist also nach Marx Produkt eines in den letzten ca. 300 Jahren vonstatten gegangenen Selbstabstraktions-Verhältnisses von Lohnarbeit und Kapital: Arbeit als Lohnarbeit erscheint als ein lebendiges Abstrakt-Allgemeines, vor dem sich auch aktuell viele Menschen theoretisch und praktisch verneigen ...

Arbeit bleibt auch Formumwandlung von Naturstoffen

3. Das menschliche Verhältnis zur Natur ist m. E. - auch heute noch - entscheidend mitgeprägt durch alle Tätigkeiten, in denen sie die vorgefundenen Naturstoffe, Rohstoffe bearbeitet haben, um ihnen eine den Konsumbedürfnissen der Menschen gemäße Form zu geben. Schon das einfache Sammeln von Wildgemüse, Pilzen usw. brachte die vorgefundenen Naturdinge - wenn auch nur durch ihren Transport - in eine bedürfnisgemäße Form. Dieses Moment von Arbeit - Umwandlung von Naturstoffen mit dem jeweiligen geschichtlich möglichen Produktivitätsgrad menschlicher Arbeit - wird auch bei gigantisch erweiterter Automatisierung bleiben. Nur könnte der Anteil der Lebenszeit abnehmen, den die Menschen zur Herstellung für ihre zum Leben notwendigen Güter benötigen.

Das Moment von Arbeit, Umwandlung von Naturstoffen durch menschliche Tätigkeiten zu sein, ist keineswegs gleichzusetzen einer Beweihräucherung bzw. Glorifizierung der damit zum Teil verbundenen Mühsal, des Leids von Arbeit (im Sinne von: "im Schweiße des Angesichts sollst du dein Brot essen"). Marx selbst hat mehrfach betont, dass erst jenseits einer wie auch immer 'befreiten' Arbeit (die ein "Reich der Notwendigkeit" bleibt) die produktive Muße, das "Reich der Freiheit" beginnen könne.

Arbeit, als jeweilige konkrete Tätigkeit (Schusterarbeit, Computerarbeit ...) , die heute in dieser Gestaltung vom vorherrschenden Verwertungszusammenhang als Lohnarbeit mitbestimmt ist, ist zu unterscheiden von dem Moment, dass Arbeit unter dem Aspekt der bloßen Mühaufwendung ("Arbeit überhaupt") gefasst werden kann UND vom schon genannten Moment der abstrakten Arbeit, die als solche indirekter Regulator des gesellschaftlichen Zusammenhanges dieser Privatwirtschaft ist. ist. Als abstrakte Arbeit hat Arbeit diesen besonderen indirekt vergesellschaftenden Charakter im Kapitalismus, die sie von allen vorigen Verausgabungsweisen von Arbeit unterscheidet.

Arbeits-Idealisierung durch Marx ?

Weiter R. Kurz: "Ökonomisch wird dieser (marxschen, d. Verf.) Doktrin zufolge die "Arbeit" als universelle Form menschlicher Tätigkeit durch die Herrschaft der kapitalistischen Eigentümer zu einem Verhältnis der Ausbeutung degradiert. (...) Diese vermeintlich in sich geschlossene und unerschütterliche Theorie der Gesellschaft und der Geschichte hat heute ihre Wahrheit verloren; (...) Der Marxismus hat immer versucht, die "Arbeit" als positives Ideal für sich zu reklamieren und von der angeblichen "Nichtarbeit" der bürgerlichen Welt und ihrer Repräsentanten abzugrenzen."

Existiert die Ausbeutung der Lohnarbeit durch das Kapital und damit die Produktion von Wert und Mehrwert für Kurz nicht mehr? Ist Ausbeutung der "Ware Arbeitskraft" im Kapitalismus nur eine Doktrin, die von Marxisten in die Welt gesetzt wurde? Er spekuliert mit Leuten, die Marx nicht im Original gelesen haben und setzt häufig Marx mit vulgärmarxistischen Interpretationen gleich, die in der Tat Arbeitsidealisierung und Lohnarbeits-Fetischisierung betrieben haben.

Es hat seit über 100 Jahren unter dem Etikett des Marxismus viel dogmatischen bis gefährlich-menschenfeindlichen Unsinn gegeben. Das (selbst-)kritische Denken kann man niemandem abnehmen. Aber wie kann Kurz allen Ernstes Marx und dessen Theorie für den Ausdruck "die Müßiggänger schiebt beiseite" in dem Lied "Die Internationale" verantwortlich machen ? Wer die Arbeiterbewegung in Bausch und Bogen als arbeitsfetischistisch verdammt (statt ihre sehr wohl in dieser Richtung vorhandenen Tendenzen genau zu benennen), um sie dann noch in Nähe der Nazibewegung zu rücken ("Arbeit macht frei"), ist offenbar kaum noch um kritische Unterscheidungen bemüht. Welchen theoretische Nutzen bringt es, letztlich fast alle anderen Positionen (Neoliberalismus, bisherige Sozialisten, Kommunisten aller Strömungen, (Neo-)Keynesianer, die christliche Soziallehre u.v.a.m.) als Vertreter der "Religion der Arbeit" zu beschimpfen? Alle hätten - nach Kurz - "einen positiven Begriff der "Arbeit"." Nur die Gruppe Krisis und wenige ausgesuchte Strömungen (siehe "Glückliche Arbeitslose", oder APPD: "Arbeit ist Scheiße") hätten einen 'negativen' Arbeitsbegriff. Er meint das offensichtlich in einem wertenden Sinn. Arbeit wird mechanisch wertend mit "Leiden" gleichgesetzt.

Die 'Mühsal' der Arbeit ist ein Aspekt, der entfremdete Charakter der Lohnarbeit als besonderer Ausdruck des Momentes der abstrakten Arbeit ein anderer. Die Förderung von Individualität und die aufbauende Gemeinschaftlichkeit durch selbstbestimmte, kreative Arbeit gibt es auch. In unserer marktbeherrschten Gesellschaft werden die meisten kreativen und sinnlichen Arbeitsbedürfnisse in Warenkreativität und Sinnlichkeit des liebreizenden Scheins umgebogen bzw. verengt, weil die Menschen eben ihre Arbeitskraft oder ihre Produkte zu Markte tragen müssen. Schön wärs: sich nicht mehr verkaufen müssen. Weil Menschen diesen Unterschied merken, gibt es seit ein paar Jahren etliche Versuche, Neue Arbeit warenkritisch als selbstbestimmtes, direktes Wirtschaften zu probieren.... (Siehe auch unser Konzept „Soviel Erwerbsarbeit wie möglich, so viel Gemeinschaftsarbeit und freie Zeit wie möglich" )

Erfahrungsräume schaffen jenseits von Lohnarbeit

Die "Kampagne gegen die Arbeit" wird dem auch real erfahrbaren Doppelcharakter der vorherrschenden marktbezogegen Arbeit nicht gerecht. Besser finde ich, aus der Alltagswirklichkeit heraus sich einzusetzen gegen die Entfremdungen der Lohnarbeit - und gegen alle Umstände, in denen Menschen ausgebeutete, erniedrigte und von sich entfremdete Wesen sind. Sicher bleibt der Widerstand gegen den vorherrschenden Sozialabbau weiterhin wichtig. Darüber hinaus kann durch vielfältige praktische Ansätze selbstbestimmten Wirtschaftens gezeigt werden, wie diese unmenschliche Gesellschaft einen attraktiven Ausgang bekommen kann.

Erst auf der Grundlage einer gemeinschaftlichen Produktion, kann die für alle notwendige Arbeitszeit allmählich gekürzt werden. Hier lehnt die Gruppe Krisis ab, daß es (näher zu bestimmende!) Keimformen einer neuen direkten Vergesellschaftungsweise geben könne. Auf alle Fälle lehnt sie eine Beteiligung daran offensiv ab. Die Forderung der Gruppe Krisis, die gesellschaftlichen Zusammenhänge durch eigene Initiative ebenso in die eigenen Hände zu nehmen, wie schrittweise alle Produktionsmittel (Maschinen, Computer, Grund und Boden, Gebäude usw.) finde ich abstrakt richtig. Sie ist aber theoretisch und praktisch konkretisierungsbedürftig. Hierüber wäre weiter zu reden.


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