
verabschiedet am 26.November 2009
Viele Millionen Menschen weltweit haben keine Erwerbsarbeit. Noch mehr Menschen haben ungesicherte Jobs, die kaum das zum Leben Notwendige einbringen. Millionen Menschen verhungern jedes Jahr. Noch mehr Menschen werden krank durch Arbeit. Wer sich nicht anpasst, zu viel krank ist oder als Arbeitskraft am Arbeitsmarkt nicht nachgefragt wird, kann schnell zu den Langzeit-Erwerbslosen gehören. Gleichzeitig sind diejenigen, welche (scheinbar) dauerhafte Arbeitsplätze haben, oftmals sehr gestresst.
Die meisten von uns sind zunächst noch fast vollständig vom Warenmarkt und vom Erwerbszwang über Geld abhängig. Deshalb haben wir begonnen, verschiedene Projekte der gegenseitigen Hilfe zu entwickeln. Sie sollen die Zwänge der Erwerbsarbeit praktisch mildern und Erfahrungen selbstbestimmteren Wirtschaftens ermöglichen, als eine praktische Kritik an der Erwerbsarbeit. Neben dieser herkömmlichen Erwerbsarbeit entwickeln wir einen Bereich von gegenseitiger Hilfe und Gemeinschaftsarbeit, einen Innenraum oder Erfahrungsraum jenseits der Zwänge der ‚Warenwelt’. Bisher konnten wir einen kleinen Teil der Erwerbsarbeit durch gegenseitige Hilfen ersetzen. Doch wir wollen uns auch im Bereich der Marktwirtschaft helfen, die noch nötige Erwerbsarbeit besser zu bewältigen.
Wir kritisieren auf eine praktische Weise die marktbezogene Erwerbsarbeit: Diese „alte“ Arbeit ist warenproduzierende Arbeit als Lohnarbeit; deren Produkte werden auf dem Markt gegen Geld ausgetauscht. Wir wollen nicht mehr unsere ganze Arbeitskraft, all unsere Fähigkeiten, auf den Markt tragen. Wir finden es problematisch, dass die menschliche Arbeitskraft, auch zunehmend andere gesellschaftliche Beziehungen, von der allgemeinen Käuflichkeit beeinflusst sind. Eine Ware ist für uns ein Produkt der in dieser Gesellschaft vorherrschenden Wirtschaftsweise. Sie wird getrennt voneinander (‚privat’) produziert. Auf dem Markt stellt sich der gesellschaftlich-nützliche Charakter aller produzierten Waren durch den Warenaustausch heraus. In jeder Gesellschaft stellen die Menschen nützliche Dinge füreinander her, also Gebrauchswerte. In dieser Gesellschaft sind die Gebrauchtwerte zusätzlich noch Träger eines besonderen gesellschaftlichen Verhältnisses, des (Waren-)Wertes. Der sich selbst verwertende Wert (in Gestalt des Kapitals) lenkt nicht nur unsere Wirtschaft als ‚sachlich und natürlich’ erscheinender Zwang. Das wertorientierte Denken und Handeln bestimmt gegenwärtig die meisten Menschen. Wir sind selbst nicht frei davon.
Dagegen versuchen wir experimentell eine solidarische Praxis zu entwickeln. Wir nehmen bewusst als Grundlage, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber nicht mehr ist: Wir helfen uns gegenseitig. Überall in unserer Gesellschaft sind noch Reste oder ‚Keime’ davon vorhanden. Deshalb haben wir angefangen, dafür einen systematischen Rahmen zu schaffen. In diesem Innenraum können wir punktuelle gegenseitige Hilfen unter uns weiter intensivieren. Alle, die diesen praktischen Ansatz gutheißen und mit anpacken wollen, sind uns, unabhängig von ihrem jeweiligen Weltbild, willkommen. Wir fragen uns: ‚Wer möchte freiwillig, aber verbindlich etwas für die anderen Aktiven in der Projektgemeinschaft tun?’
Es verfestigt sich global trotz ständig wachsender Produktivität und dem damit hergestellten Warenüberfluss eine menschenunwürdige, materielle und geistige Armut. Wir vom Arbeitskreis Lokale Ökonomie haben die Erfahrung gemacht, dass eine wachsende Anzahl von Menschen damit unzufrieden ist und nach Alternativen sucht. Als selbst mit Betroffene lauten unsere Ausgangsfragen: Wie ist aus dieser grundlegend unbefriedigenden Situation herauszukommen? Was können wir tun, um die Zwänge der Erwerbsarbeit zu reduzieren? Erwerbsarbeit ist häufig mit einem ungesunden täglichen Wettlauf verbunden.. Trotzdem identifizieren sich noch die meisten Menschen mit ihrer Erwerbsarbeit. Was sollen Menschen tun, die trotz eigenem Bemühen dauerhaft erwerbslos bleiben?" und, damit eng verbunden: "Was sollen Menschen tun, die sehr viel Erwerbsarbeit haben, darin fast vollständig aufgehen und damit unzufrieden werden? Die Erwerbsarbeit in leicht reformierter Form (zum Beispiel mit durchgesetzten Arbeitszeitverkürzungen) oder eine Reform der Welthandelsbeziehungen (‚Fairer Handel’) gab uns keine befriedigende, praktische Antwort auf diese Fragen.
Einerseits versuchen wir, uns schrittweise vom Vollerwerbsjob etwas 'freizuschaufeln' (weniger Überstunden, halbe Stellen, also Kürzung der marktbezogenen Arbeitszeit, wo möglich ...). Wer zunächst keine Erwerbsarbeit hat, versucht wieder welche zu bekommen, aber - wer mag - nicht mehr einen Vollzeitjob. Andererseits nutzen wir die gewonnene freie Zeit u.a. zu selbstbestimmter Bildung (auch in der Freien Uni Hamburg) und zu gegenseitiger Hilfe. Der Ausgangspunkt für ein Mitmachen im AK LÖK sind die Tätigkeitswünsche und -ideen derer, die hier aktiv werden wollen. Neue in der Projektgemeinschaft sollen systematisch darin gefördert werden, ihre Neigungen herauszufinden und sich am Willensbildungsprozess der Gesamtgruppe zu beteiligen. Es finden regelmäßige Treffen für Neue statt. Die Einzelnen sollen sich absprechen, was sie verantwortlich der Projektgemeinschaft geben wollen. Unsere Projekte arbeiten ohne Geld direkt für die anderen Aktiven: Sie stellen nützliche Dinge und Tätigkeiten zur Verfügung.
Neue Arbeit bezieht für uns auch alle Tätigkeiten mit ein, die bisher im wertproduktiven Sinne nichts oder wenig ‚wert’ waren, wie Hausarbeit, Putzen, Kinder betreuen und begleiten. Alle menschliche Tätigkeit, die ein gemeinschaftliches Bedürfnis erfüllt, kann ein gleich wichtiger, nützlicher Teil der Gemeinschaftsarbeit sein. Dabei versuchen wir uns dem Problem zu stellen, dass es in jeder Gemeinschaft Tätigkeiten gibt, die als nötig erachtet werden, aber nicht sonderlich beliebt sind.
Ziel ist es, über solidarisches Verhalten zwischen Einzelnen hinaus durch die Zusammenarbeit von einzelnen Projekten eine gemeinschaftliche, verabredete Arbeitsteilung zu entwickeln. Erst wenn es uns gelingt, lebendige Teilgruppen zu entwickeln, die mit einem Teil ihrer Kraft bewusst etwas für die Gesamtgruppe beitragen, steigt die Qualität der gegenseitigen Hilfe in Richtung von Gemeinschaftsarbeit. Gerade in diesem Teilgruppen-Bildungsprozess sind wir noch bei den ersten schritten. Jede ( r ) soll sich bei uns einen erfreulichen menschlichen Nahbereich schaffen können. Gemeinschaftsarbeit ist für uns direkte Arbeit einer Teilgruppe für die anderen Aktiven. Nur als 'binnenbezogene' kann sie anfangs überhaupt Gemeinschaftsarbeit werden, weil rundherum ja fast alles (noch) nach dem Verwertungsprinzip funktioniert. Um diese Beschränktheit zu überwinden, ist für uns auch eine praktische Zusammenarbeit in der Nachbarschaft, im Stadtteil und mit anderen ähnlichen Ansätzen sehr wichtig. Diese Gemeinschaftsarbeit in den Teilgruppen soll merklich ruhiger, angenehmer, freiwillig-verantwortlich und mit zunehmender gegenseitiger Anerkennung laufen. Um dem näher zu kommen, versuchen wir an den laufenden unter uns aufbrechenden Konflikten zu arbeiten. Ziel der Gruppe ist eine langfristige, freiwillige Aktivierung für eine Gemeinschaft, die gleichzeitig die kreativen Kräfte der Einzelnen freisetzt und schützt. Gemeinschaftsarbeit fördert auch die Entwicklung von unserem Gemeinschaftsbesitz (gemeinsame Räume, größere Anschaffungsgegenstände, wie den Transporter).
Um den Rahmen für die weitere Entfaltung der Neigungen aller Aktiven zu schaffen, haben sich auch eine Reihe gemeinschaftsnotwendiger Tätigkeiten ergeben, (z.B. Raumverwaltung und Putzen). Diese fassen wir in einer „Liste der gemeinschaftsnötigen Tätigkeiten“ zusammen. Ab und zu versuchen wir diese Tätigkeiten so breit wie möglich unter uns zu verteilen.
Die laufenden Ausgaben der Projektgemeinschaft in Geld werden aus einer gemeinsamen Kasse beglichen. Der freiwillige Monatsbeitrag ( '3 Euro plus x') der Aktiven dient mit zum Ausgleich für Kosten (Raum- und Werkstattmiete, Verbrauchsmaterial) und für gemeinsame Anschaffungen (Computer, Auto, Maschinen...).. Als Projektgemeinschaft versuchen wir unsere Grundkosten so niedrig wie möglich zu halten, um unsere Abhängigkeit von der "Warenwelt" und dem Staat herabzusetzen.
Jenseits dieses angestrebten Raumes solidarischer gegenseitiger Hilfe besteht auch der Wille, sich bei der Bewältigung der für die Einzelnen noch nötigen Erwerbsarbeit zu unterstützen, zum Beispiel durch Beratungen. Wenn jemand in einem unsere Projekte dauerhaft aktiv ist, können auch Verabredungen getroffen werden, dass unsere Räume von diesen auch teilweise zu Erwerbszwecken genutzt werden. Das ist dann jedoch eine Tätigkeit außerhalb unserer Projektgemeinschaft.
Es gibt zur Zeit folgende Projekte in der Projektgemeinschaft: Der Umsonstladen,, der Frauen-Umsonstladen, das Kleinmöbellager, die Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt, die Gartengruppe, die Freie Uni Hamburg, das Umsonstfest und die Kreativwerkstatt. Die Projekte sind zum praktischen Nutzen für die Aktiven aller Teilprojekte da. Sie bieten ihre Dinge und Dienste auch nach außen allen EinwohnerInnen zum persönlichen Gebrauch an. Zur Deckung der Kosten (für Räume und Transporter) bitten wir hier um eine Aufwandsspende. In zwei "Listen der Bedürfnisse" haben wir angefangen, unsere Bedürfnisse nach Gegenständen, die jede (r) von uns braucht, aufzuschreiben. Ein paar Aktive aus den Projekten versuchen dann, diese Wünsche zu erfüllen. Wer bei uns mitmachen will, kann in einem der Teilprojekte sofort anfangen. Wer bei uns ein neues Projekt beginnen möchte, stellt es auf dem AK LÖK – Treffen vor. Bei Zustimmung kann sie / er sofort anfangen. Nach einem ersten halben Jahr kann sich jemand für uns entscheiden.. Auf einem AK LÖK – Treffen stellen wir dann beiderseitig fest, ob wir zueinander passen. Eine Voraussetzung dieser Entscheidung ist die Befürwortung des Teilprojektes bzw. der Schicht, in dem die / der Betreffende aktiv ist. . (Dieser Abschnitt ist vorläufig formuliert.) Grundlage aller Tätigkeiten ist die Freiwilligkeit und die hier darstellten Grundsätze. Daraus soll eine freiwillige Verantwortung erwachsen.
Wer an einem unserer Projekte teilnimmt, bzw. eine Öffnungszeit mit betreut, nimmt auch an den monatlichen Verabredungstreffen dafür teil. Wenn in einer Schicht oder Teilprojekt regelmäßige Verabredungen stattfinden, ist auch eine Delegation zum Projekttreffen möglich. Es soll erreicht werden, dass alle Einzelnen an dem Informationsfluss der Gesamtgruppe teilnehmen.
Zweimal im Monat donnerstags finden die Arbeitskreis-Treffen statt, auf denen Aktive aus allen Projekten zusammenkommen. Dort werden alle gemeinsamen Angelegenheiten über die Art und Weise des gemeinsamen Wirtschaftens besprochen und entschieden. Die Angelegenheiten, die bloß ein Projekt betreffen, werden unabhängig davon auf den Treffen der einzelnen Projekte besprochen und entschieden. Jedes Einzelprojekt schickt zu den Arbeitskreis-Sitzungen mindestens eine VertreterIn, die die Verbindung zu den anderen hält, von den Teilprojekten berichtet und sich an der Entscheidungsfindung beteiligt. Projekte mit über 10 Aktiven (also der Umsonstladen) schicken zwei VertreterInnen zu den Arbeitskreis-Treffen. Das Treffen ist darüber hinaus offen für alle interessierten Aktiven. Einmal im Jahr findet ein Jahrestreffen aller Aktiven mit vorbereitetem Rückblick und Ausblick und feierlichem Ausklang statt, an dem alle teilnehmen sollen.
Entscheidungen werden von den anwesenden Aktiven getroffen. Das Vorgehen ist dabei, dass eine Angelegenheit zunächst besprochen und dann darüber abgestimmt wird. Wir praktizieren weder die reine Mehrheitsentscheidung noch die reine Konsensentscheidung. Hat sich bei einer Abstimmung eine Mehrheit für etwas entschieden, dann gilt dies als Beschluss, vorausgesetzt diejenigen mit anderer Meinung akzeptieren diese Mehrheitsentscheidung. Wenn aber eine oder einige diese Entscheidung grundsätzlich ablehnen, dann suchen wir nach einer Konsenslösung, die von allen akzeptiert wird. Wenn wir in einer grundlegenden Frage keine Konsenslösung finden können, gehen wir weiter von der uns verbindenden gegenseitigen Hilfe aus und vom bisherigen Stand in der verhandelten Frage. Die unterschiedlichen Standpunkte werden dann kurz in diesen Grundsätzen und auf unserer Homepage dargestellt und das Gespräch darüber geht weiter. Indem wir die Unterschiede durchsichtig festhalten, verzichten wir darauf, dass eine Mehrheit einer Minderheit ihren Willen aufdrückt.
Wir achten darauf, nur rahmensetzende "Minimalspielregeln" zu beschließen, die nicht zu viele und zu komplex werden dürfen. Zu viele Beschlüsse bzw. Regeln machen unser Zusammenwirken zu unübersichtlich. Wir bleiben weltanschaulich vielfältig, basisdemokratisch, praxisbezogen, ungebunden und offen, d.h. so selbstkritisch wie möglich. Wir versuchen nicht, uns gegenseitig auf bestimmte Weltbilder zu "vereinheitlichen". Lasst uns eine flexible Taktik des kritischen Umgangs mit der Warenwelt entwickeln, mit der es Spaß macht, mit vielen anderen Menschen in Richtung tätiger Mitmenschlichkeit auszuwandern !
verabschiedet am 26. November 2009