Arbeitskreis Lokale Ökonomie Hamburg


Projektgemeinschaft gegenseitiger, solidarischer Hilfen

KurzberichtAusDemUmsonstladenAltona

Was nix kostet ist auch nix wert? - Erfahrungen aus dem Umsonstladen - Hamburg (Altona)

Der Wunsch in Hamburg den ersten Umsonstladen in Deutschland zu gründen, wurde 1999 in die Tat umgesetzt. Einer der Beweggründe, für die Gründung eines Umsonstladens war auch die Frage der Bewertung von Dingen. Diese Dinge gelten als wertvoll, wenn sie teuer waren. Viele Menschen bewahren eine Menge Dinge auf, obwohl sie keinen konkreten Nutzen in ihrem Leben haben. Die Vorhaltung der Lagerfläche verursacht weitere Kosten, was manchmal groteske Formen annehmen kann. Ein Umsonstladen könnte dabei helfen, darüber nachzudenken, was wir wirklich brauchen. Die Praxis eines solidarischen Wirtschaftens, macht potentiell den konkreten Wert eines Dings oder einer nützlichen Handlung deutlich, anders als es Preise tun. Der Umsonstladen sollte auch ein Beitrag sein zu dem, was heute als „Suffizienz“ (Genügsamkeit, Nachhaltigkeit) bezeichnet wird. Soweit die Idee.

Dieses Konzept hat sich nur teilweise in der Alltagspraxis bewährt, da die Menschen, nun einmal gewohnt sind nachzurechnen, was sie im Kapitalismus dafür zahlen müssen / dafür bekommen könnten. Für uns Aktive sind die Sachen streng genommen auch nicht umsonst, denn wir bezahlen Mitgliedsbeiträge. Tatsächlich stellt ein Laden, in dem man alles ohne Bezahlung bekommt, uns Aktive, ebenso wie die NutzerInnen, immer wieder vor die Herausforderung, uns zu fragen: „Brauche ich das wirklich?“

Die Idee, Dinge weiterzugeben und zu nehmen, ohne Geld und auch nicht als direkter Tausch, wird nicht von allen verfolgt. Um zu verhindern, dass Leute, die frei erworbenen Dinge auf dem Flohmarkt wieder in Waren verwandeln, begrenzten wir die Anzahl der Dinge, die bei einem Besuch mitgenommen werden durften.

In der Öffentlichkeit wurde der Laden oft missverstanden, so heißt es in einem Papier einiger Aktiver von 2007: „Im Zuge der öffentlichen Diskussion über „die Unterschicht“ wurde in einer großen Hamburger Tageszeitung der Umsonstladen in Altona als eine der karitativen Initiativen aufgelistet, in denen Menschen für wenig Geld Dinge des täglichen Bedarfs erstehen können. Der politische Anspruch des Hamburger Umsonstladens – eine Kritik an der Warengesellschaft und der Versuch eines anderen Wirtschaftens – hat keinen Eingang in den Artikel gefunden. Diese Wahrnehmung unseres Umsonstladens als einer karitativen Einrichtung ist dabei nicht bloß der entsprechenden Journalistin eigen. Auch während unserer Öffnungszeiten werden wir von einigen unserer BesucherInnen derart wahrgenommen. Aus Gesprächen und durch das Verhalten verschiedener BesucherInnen kann man das erfahren: Häufiger werden Menschen von Sozialarbeitern zu uns geschickt, weil man sich hier kostenlos Dinge mitnehmen kann. … Andere BesucherInnen, die etwas bringen, fragen nochmals extra nach, ob die Sachen auch wirklich von armen Menschen mitgenommen werden. Andere BesucherInnen beschweren sich darüber, dass wir Aktiven ebenfalls Dinge mitnehmen und nicht ehrenamtlich tätig sind.“ (Umsonst ist nicht genug. Bericht aus dem Umsonstladen Altona. 2007)

Wir wollen weder eine „Geiz ist Geil“-Mentalität befördern, noch eine karitative Einrichtung sein, die das System stabilisiert. Deshalb ist das Wort "umsonst" auch bei uns etwas umstritten. Würden wir heute einen Namen für den Laden suchen, würden wir uns vielleicht auf einen anderen Namen einigen, andernorts gibt es ja auch Schenkläden. Es schwingt auch immer die zweite Bedeutung „vergebens“ darin mit, die möglicherweise einen fatalistischen Reflex befördert. Das englische „free“ klingt da viel ermutigender. Was bisher allen Leuten auf Anhieb einleuchtet, ist die Vermeidung von Verschwendung. Die Dinge sind ja bereits da, es wäre also unsinnig, sie einfach wegzuwerfen.

Momentan sehen wir uns irgendwo zwischen dem Papier von 2007 und unseren Zielvorstellungen. Einerseits werden wir als Versorgungsstation weiterempfohlen und scheinen so die bestehenden Verhältnisse zu stabilisieren, andererseits sehen wir auch eine Tendenz, dass Leute, die nach Alternativen zur aktuellen Wirtschaftsweise suchen über uns schreiben bzw. zu uns Kontakt suchen. Die Projektgemeinschaft gegenseitiger Hilfe, der Arbeitskreis Lokale Ökonomie, von dem unsere beiden Umsonstläden nur ein Teil sind, wird bis heute öffentlich kaum als solcher wahrgenommen. Die Praxis des solidarischen Wirtschaftens zieht sich dabei auch intern nicht durch den gesamten Arbeitskreis, sondern findet punktuell statt, je nachdem wie stark sich die Aufgaben überkreuzen und nach persönlichen Sympathien. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass dies mit der Größe zusammenhängt und unvermeidbar ist.

Es gibt aber ein befreundetes Projekt in Venezuela, das sehr viel größer ist als wir und denen es dennoch schon besser gelingt: Die Kooperative Cecosesola hat inzwischen ca. 1300 aktive Mitglieder. Der Kooperativen-Verbund wurde Ende 1967 gegründet. Anfangs war es ein „normaler“ streng hierarchischer Betrieb. 1974 wurde die bisherige Geschäftsleitung von Kooperativ-Mitgliedern übernommen und später ganz in ein Netz von Basisversammlungen („reuniones“) aufgelöst. Hier verband sich ein gemeinsames politisches Ziel mit dem Bestreben, selber eine Alternative aufzubauen und zu betreiben. (Cecosesola. Auf dem Weg. Gelebte Utopie einer Kooperative in Venezuela. Berlin 2012; http://cecosesola.org/; hier zur Einführung ein Film mit deutschen Untertiteln über Cecosesola: http://www.youtube.com/watch?v=iM0ti-5Rh7E )

Angela Banerjee , Hilmar Kunath



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