Arbeitskreis Lokale Ökonomie Hamburg


Projektgemeinschaft gegenseitiger, solidarischer Hilfen

Repräsentativsystem

Zur Kritik des ‚Repräsentativsystems’

Ein Diskussionspapier aus dem Arbeitskreis Lokale Ökonomie e.V. (AK LÖK) , Hamburg

Vorwort:

Möglichst viel Demokratie ist allerseits gewünscht. Darauf können sich inzwischen viele Menschen einigen. Nur wenn man näher hinsieht, nimmt sich die wirkliche 'Mitwirkung' der Menschen an 'ihrer' Gesellschaft bisher eher bescheiden aus. Ein kleinerer Teil der Menschen ist dauerhaft in einer Sprecherrolle. Andere sind es schon seit ihrer Kindheit gewöhnt, dass andere Menschen für sie sprechen und handeln. Darüber hinaus gibt es die Alltagspraxis der fast zahllosen einzelnen Kauf-Verkauf-Akte, die indirekt einen bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhang mit herstellen. Sie können von einzelnen Menschen kaum praktisch in Frage gestellt werden, wenn sie nicht verhungern wollen: Dazu ist Grundlegendes im Thesenpapier „Warengesellschaft und Staat“ (Diskussionspapier im Arbeitskreis Lokale Ökonomie) ausgesagt, was hier ergänzt werden soll.

Es soll näher dargestellt werden, wie die Menschen ihren gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang herstellen über Waren und Geld einerseits, aber auch über verschiedene repräsentative (= stellvertretende) Funktionen andererseits. Dabei soll klarer zutage treten, dass sich die Menschen vielleicht eines Tages dahin entwickeln könnten, ihren eigenen gesellschaftlichen Zusammenhang intensiver, direkter und weniger stellvertretend zu bestimmen, also wirklich „mehr Demokratie wagen“ ...

Nach einer langen Phase von persönlichen Herrschaftsverhältnissen hat sich in der Menschengeschichte seit gut 200 Jahren auf dieser Grundlage eine zu kennzeichnende unpersönliche, eher versachlichte Herrschaft entwickelt. Diese hat jedoch auch Spielräume möglicher weitergehender 'Demokratisierung' freigesetzt. Wie die einzelnen Menschen die Bestimmung in ihrer Gruppe Schritt für Schritt in die eigenen Hände nehmen könnten, soll im Schlussabschnitt dieser Schrift ausgeführt werden.


Zum Verständnis des Textes ist es nötig, den Begriff des gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Zusammenhanges näher zu bestimmen.

Mit 'Gemeinschaft' soll hier der Teil der Gesellschaft bezeichnet werden, der von den Menschen unmittelbar als direktes Zusammenwirken von Menschen erfahrbar und veränderbar ist. Zum Beispiel sind die Familie, der kleine Sportverein, der Bekanntenkreis solche Gemeinschaften. Der Begriff erlaubt es im Verhältnis von Einzelnem und Gesellschaft die Momente in den Blick zu nehmen, in denen Gesellschaft sich für die Einzelnen geltend macht und über die sie ihr Verhältnis zur Gesellschaft als einen ihnen äußerlichen Apparat vielleicht verändern könnten. Unsere gewachsene Gesellschaftsentwicklung mit ihrer gewaltigen Arbeitsteilung hat auch Zusammenhänge hervorgebracht, die nur teilweise und indirekt erfahren werden können. Zum Beispiel kann 'der Staat' als Ganzes so nicht erfahren werden, sondern nur in seinen einzelnen Funktionen und den Trägern dieser Funktionen. Der gemeinschaftliche Zusammenhang wird meistens über unmittelbare menschliche Begegnungen hergestellt – zum Beispiel in der Familie oder im Bekanntenkreis. Bis auf den oft noch offenkundigen männerherrschaftlichen Einschlag, bzw. Momente direkter personaler Herrschaft, die auch von Frauen ausgeübt werden können, sind die nicht über Waren und Geld vermittelten Beziehungen der Menschen zueinander in diesen Gemeinschaften für die Beteiligten einigermaßen durchsichtig und direkt.

In der vorherrschenden Wirtschaftsweise stellen die Menschen den Zusammenhang zwischen den Bedürfnissen und der Produktion und Verteilung von Dingen und Leistungen, um diese zu befriedigen, jedoch nicht direkt her. Sie produzieren in der Regel privat für den Markt. Erst in den zahlreichen einzelnen Austauschaktionen stellt sich dort die Nützlichkeit ihrer Produkte (in bestimmter Menge) für andere Menschen heraus. Der über den Markt hergestellte Zusammenhang reguliert sich über Krisen. Trotz allen werbenden Nötigungen, doch zu ‚verbrauchen’, um ‚die Wirtschaft’ zum Wachsen zu bringen, bleibt der ‚private Verbrauch' eine endliche Größe... nicht nur weil nur endlich viel Geld da ist, sondern auch, symbolisch gesprochen, mensch nur einmal satt werden kann. Der Drang des Kapitals zur Selbstverwertung ist allerdings maßlos und versucht ständig vergeblich, über das endliche Maß der begrenzten Aufnahmefähigkeit der Märkte hinauszugehen. Die indirekte Regulation des Wirtschaftens über Waren, Geld und Kapital erscheint den Beteiligten als 'natürlich', praktisch und alternativlos.

Der gesellschaftliche Zusammenhang wird also einerseits von den Menschen weiterhin in ihrem Nahbereich selbst hergestellt: Das sind alle direkten außerökonomischen menschlichen Begegnungen. Teils ist damit ein direktes Herrschaftsverhältnis verbunden, häufig jedoch auch nicht. In der heutigen entfalteten, vor sich hinkriselnden Warengesellschaft wird ein weiter wachsender Teil des gesellschaftlichen Zusammenhanges (GZ) über die Waren/Geld-Austauschakte und den damit verwandten Beziehungen (z.B. Lotto spielen, oder zum Steuerberater gehen...) hergestellt.

Ein dritter Teil des GZ wird in dieser Warengesellschaft über Staatstätigkeiten, Großinstitutionen (z.B. die Gewerkschaften, der ADAC ...) und politische Parteien hergestellt. Diesen Teil nennen wir hier das Repräsentativsystem. Der über Waren, Geld und Kapital, also über den abstrakten Wert regulierte GZ wird ergänzt durch von den einzelnen Menschen gründlich abgespaltene Staatsfunktionen und ähnliche Großsysteme, in denen der Einfluss der Menge der einzelnen Menschen minimal ist.

Es seien kurz die verschiedenen Staatsfunktionen genannt:

1) Verwalten und Koordinieren des so verfassten Gemeinwesens (Kommunen, Länder, Bund, EU ...) 2) Die Sozialverwaltung (z.B. ALG II, Arbeitsämter, staatliche Sozialfürsorge und -arbeit) 3) Die Ordnungsmacht (Polizei, Militär, Geheimdienste) und das Justizwesen 4) Das Finanz- und Steuerwesen 5) Das Bildungswesen (Kindergärten, Schulen, Universitäten, Forschung) , teils privatisiert 6) Das Gesundheitswesen (Gesundheitsamt, Krankenhäuser usw.) teils privatisiert 7) Der Infrastrukturbereich (z.B. Wasser- und Klärwerke, Müllabfuhr, Feuerwehr) 8) Das Verkehrswesen (Auto, Bahn, Flugverkehr, Hafen ...) auch teils privatisiert 9) Natur, Umweltschutz, Landwirtschaft und Forsten ...

In diesen „Apparaten“ als Ausdruck von Staatsfunktionen handeln Menschen mit eigenen „Ermessensspielräumen“ als Teil dieses repräsentativen Zusammenhanges, „Staat“. Innerhalb dieser aufgezählten Bereiche spielt Geld ebenfalls eine wachsende Steuerungsrolle. Schon diese unvollständige Auflistung bringt auch eine Neigung von Privatisierung von bisherigen Staatsfunktionen in Erinnerung. Zum Beispiel Post und Fernmeldebereich waren ja bis vor Kurzem noch staatlich, Viele Krankenhäuser und Wohnungen, ja sogar vorher öffentliche Plätze, sind jetzt in Privatbesitz.

Von der Gebrauchsseite her sind die aufgezählten Funktionen Resultat einer entfalteten Arbeitsteilung. (Zum Beispiel können und möchten die meisten Menschen für sich keine eigene Wassergewinnung und ein Klärwerk betreiben.) Diese Staatsfunktionen sind bei Instanzen untergebracht, die eine bestimmte 'Gemeinschaftsaufgabe' in der warenproduzierenden Gesellschaft für die übrigen Menschen erfüllen. Die Bestimmung über diese Teilapparate liegt weitgehend bei den jeweiligen Verwaltungsleitungen, diese bekommen ihre Weisungen von den Regierungen. Letztlich, d.h. was den groben Rahmen und die wesentlichen Zielsetzungen anbetrifft, sollen alle Zweige der Staatstätigkeit parlamentarisch kontrolliert werden. Diese ParlamentsvertreterInnen werden gewählt. Die Bestimmung der 'einfachen Menschen' über ihren GZ findet offenkundig nur recht eingeschränkt und indirekt statt: über Wahlen in Gemeinden, Ländern und dem Bund, auch über Bürgerinitiativen und ehrenamtliche Tätigkeiten im weitesten Sinn.

Zur Rolle der Stellvertreter (Repräsentanten) in der entfalteten Warengesellschaft

Was bedeutet eigentlich Repräsentation? „Vertretung einer Gesamtheit von Personen durch eine einzelne Person oder eine Gruppe von Personen“ (Fremdwörterduden, Mannheim 2005, S. 899). „Vertreten“ ist für unsere Darstellung zu ungenau. Wenn zum Beispiel ein „Vertreter“ für eine Gruppe nach innen und außen spricht und als ‚Vereinsvorstand’ für diese Gruppe handelt, handelt er oder sie dann mehr für sich selbst, oder mehr für die anderen Menschen? Die Gruppe beauftragt bestimmte Menschen, bestimmte Handlungen im Sinne von Arbeitsteilung und für sie vorzunehmen. Die Repräsentanten stehen innerhalb dieses Vertretungsverhältnisses einerseits für sich selbst, andererseits auch als Handelnde und Sprechende für die anderen Menschen, die von ihnen vertreten werden. Umgekehrt geben die Repräsentierten bestimmte Funktionen an die Repräsentanten ab, die sie vielleicht anfangs auch selbst wahrnehmen könnten. Aber schließlich haben sie sich daran gewöhnt, dass andere das für sie machen. Dann können diese Funktionen gar nicht mehr selbst wahrnehmen. Es geht nicht nur um das Abgeben bestimmter Handlungen (z.B. das Betreiben eines Wasserwerkes) sondern auch um Leitung und Bestimmung, in welches Richtung alles entwickelt werden soll.

Repräsentanten stehen in jeweils bestimmter und zu bestimmender Wechselwirkung zu ihren Repräsentierten (den „Wählern“, dem „Volk“, den „einfachen Menschen“ usw.).

Die Repräsentanten haben in dieser Gesellschaft fast alles 'in der Hand', was nicht über den entpersönlichenden Waren/Geld/Kapital-'Mechanismus' geregelt wird. Bürgerlich-demokratischer Anspruch („mündiger Staatsbürger“, 'Mitwirkungsrechte', Meinungsfreiheit ...) und strikt repräsentative Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Der 'nicht-repräsentierende Normalbürger' hat kaum reale Einflussmöglichkeiten - allerdings auf der Grundlage einer sehr weitgehenden prokapitalistischen Grundübereinstimmung („Sockelkonsenz“), den er oder sie in den meisten Fällen teilt... Die überwältigende Mehrheit der Menschen ist gegenwärtig so orientiert, dass sie zu verstärktem eigenen Einfluss weder willens noch in der Lage ist. Es hat sich eine verfestigte Konstellation der Repräsentanz entwickelt, die sich über dem wirtschaftlichen (entwickelt durch die Praxis des Warenaustausches und die dadurch verursachten Denk- und Handlungsbeeinflussungen ) ) und politischen Sockelkonsens erhebt. Der Rest an wirklicher Bestimmung des Lebenszusammenhanges der einzelnen 'Nicht-Repräsentanten' kann sich somit überwiegend nur in den Nischen dieses Systems im so genannten Privatleben, in Bekanntenkreisen und teils in kleinen Vereinen äußern. Auch dort ist die Tendenz zur Repräsentanz beobachtbar. Selbst bloße Meinungsäußerung ist auf Leserbriefe und den Bekanntenkreis beschränkt, während wenige Medienkonzerne Unterhaltung und Nachrichten als Waren herstellen und in Millionenauflagen verbreiten. „Bürgerzeitungen, Bürgerradio und Bürgerfernsehen“ gibt es zwar als Randerscheinungen; aber die meisten Menschen sind dazu trainiert solche Möglichkeiten nicht aktiv zu nutzen ... Erst das Internet lässt vielleicht neue Möglichkeiten aufscheinen.

Eine kleine Minderheit von Menschen wird schon früh auf ihre Aufgaben der Leitung vorbereitet, den gesellschaftlichen Zusammenhang über Staatsapparat und Großverbände, Parteien, Vereine usw. indirekt zu vertreten, d.h. für die anderen Menschen zu vollziehen. Im Zuge derselben Entwicklung werden die allermeisten Menschen darauf vorbereitet, ihren gesellschaftlichen Zusammenhang eher nicht direkt wahrzunehmen, sondern andere für sich sprechen und handeln zu lassen. Die repräsentative Aktivität der einen bedingt dann die repräsentative Passivität der anderen, der übergroßen Mehrheit der Menschen. Ist das System erst einmal so gewachsen, können die einzelnen Menschen nur noch einzeln wählen, ob sie zur repräsentierenden, aktiven Minderheit oder zur vertreten werdenden, passiven Mehrheit der Menschen gehören wollen. Menschen können nur noch 'die Seite wechseln.' Die einmal indirekt von vielen Einzelnen selbst mit geschaffene Konstellation können sie mit dem individuellen Seitenwechsel nicht überwinden.

Allerdings kann in den letzten Jahrzehnten auch eine Krise des Repräsentativsystems beobachtet werden. Sie zeigt sich unter anderem in massiver Unzufriedenheit den 'den Politikern', in Wahlmüdigkeit, in Bürgerinitativ-Bewegungen, in einem wachsenden Bedürfnis nach Volksbegehren, auch in Nachwuchssorgen der vorherrschenden Parteien. Wenn Gruppen in dieser repräsentativ vorgeformten Gesellschaft neu entstehen - es herrscht ja Versammlungs- und Organisationsfreiheit - , schaffen die Menschen zunächst diese Konstellation der Vertretung durch wenige ständig neu. Selbst wenn in solchen neuen Gruppen keine ausgesprochenen "Repräsentationsmenschen" sind, drängen die anderen meistens einzelne von ihnen in diese Rolle: „Mach du das man ...“.

Repräsentation (Vertretung) wird häufig mit Koordination (Abstimmung aufeinander) und Kooperation (Zusammenarbeit), voreilig gleichgesetzt. Menschliche Koordination und Kooperation (Absprache und Zusammenarbeit) bleiben notwendig. Repräsentation im eben beschriebenen Sinne könnte in bedeutenden Teilen durch direkteres menschliches Handeln ersetzt und damit eingeschränkt werden. Menschliche Zusammenarbeit auf Grundlage hoher Arbeitsteilung müsste nicht zu so hohen Anteilen, wie es heute normal erscheint, ausgelagert werden und nur von wenigen, bestimmten Menschen als Träger eines meist hierarchischen 'Apparates ' durchgeführt werden. Menschen könnten schon vom Kindesalter an lernen, ihre unmittelbaren Lebensumstände stärker selbst zu regulieren. Ein Keim der Lust zu stärkerer Einflussnahme ist bei vielen Menschen beobachtbar.

Was tun, um Demokratisierung und innere Gruppenkräfte zu fördern?

Eine Gruppe kann – wenn sie will - diese tiefeingewurzelte Neigung zur Vertretung (Repräsentation) erkennen und als Grenze in der Entwicklung ihrer Gruppenkräfte erleben. Sie kann diese Grenze allmählich bewusst verschieben und einen neuen Kurs steuern: Sie kann die Gestaltung des gemeinschaftlichen Zusammenhanges durch zunächst nur wenige von ihnen sich genau ansehen und absichtlich allmählich ändern. Grundlage dieses langfristigen Aktivierungsprozesses kann nur die Freiwilligkeit sein.

Nötig ist dazu, ab und zu eine Bestandsaufnahme zu machen: „Wer bestimmt eigentlich bei uns was? Wo ist es uns gelungen, bestimmte Gruppenfunktionen breiter zu verteilen? Wer hat im letzten Jahr für uns alle „nach außen“ gesprochen? Sind das mehr oder weniger geworden? Wer nimmt Einfluss auf Richtungsentscheidungen der Gruppe? Wer von uns kann einzelnen Gästen darstellen, was wir hier machen? Sprechen immer nur dieselben für uns und auf den internen Treffen?“

Zum Beispiel kann die Aktivierung im Umsonstladen, im Kleinmöbellager, im Frauentreff, in der Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt ... eine qualitative Stärkung bekommen, dadurch dass die Vertretung des Projektes nach außen, die Diskussionsleitung und das Protokollschreiben auf den Versammlungen, die Darstellung gegenüber den NutzerInnen allmählich von mehr Aktiven selbst durchgeführt wird. Auch wenn die Bestimmungskräfte mal deutlich nachlassen, können wir das merken und gegensteuern.

Juni 2009 =======================================================================


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