Die einzelnen Thesen beziehen sich auf die jeweilige These des AK Lokale Ökonomie
1.) Die erziehungsdiktatorischen Vorstellungen und Praxis haben ihre Wurzel auch darin, dass Karl Marx sich auf „Organisation der Arbeiter, nicht der Arbeit“ konzentrierte und für die utopischen Sozialisten und die Genossenschaftsbewegung nicht viel übrig hatte. Dies übrigens im Widerspruch zu seiner eigenen Analyse, dass ökonomische Fortschritte von politischen Kämpfen nur begleitet sind.
2.) Die Integration fast aller bisherigen Versuche, neue antikapitalistischen Lebens- und Wirtschaftsweisen „von unten“ einzuführen, in den Markt zeigt ein Problem auf: im Kapitalismus ist der Markt Motor der Ökonomie. Ihn ersatzlos abzuschaffen, führt zur Versumpfung. Was kann also den Markt als Motor ersetzen?
3.) Rudi Dutschkes Ansatz, stagnierende Produktionszweige zu übernehmen, ist gescheitert. Da, wo die Alternativbewegung der 1970er bis 1990er Jahre sich nicht in den Markt integriert hat, wurde sie vom Staat abhängig (ABM-Stellen,...), mit ebenso fatalen Konsequenzen (interne Hierarchien, Aufgabe des kritischen Ansatzes, ABM-Kahlschlag). Es gab auch Projekte, die sich über Sozial- und Erwerbslosenhilfe finanzierten. Dies führte zu Entgesellschaftung und Vereinzelung.
4.) Die gewaltige Entwicklung der Produktivkräfte war im Feudalismus die materielle Voraussetzung, um die feudalistische Produktionsweise sprengen zu können. Ebenso sind die modernen Produktivkräfte wie Internet, Vollautomation, Robotik und Bionik eine materielle Voraussetzung für die Überwindung des Kapitalismus. Nur in einer Ökonomie des materiellen Überflusses kann überhaupt Arbeitszeit massiv reduziert und Geld und Markt ersetzt werden – alles andere ist entweder Kriegssozialismus oder führt doch wieder zu Geld und Markt als Mitteln der Mangelökonomie. GNU/Linux, Wikipedia, die Welle von (illegalen) kostenlosen Musik- und Film-Downloads sind Vorboten einer neuen Produktionsweise, die auf kooperativer Arbeit und freier Verteilung basiert. Natürlich sind die Versuche, dies wieder in den Markt zu integrieren, in vollem Gange. Zudem sind die modernen Produktivkräfte mit der alten kapitalistischen Produktionsweise verbunden. Es ist daher eine zentrale Aufgabe, diese Technologien weiter zu humanisieren und mit internen ökonomischen Zirkeln, in denen eine nicht-kapitalistische Ökonomie antizipiert wird, zu koppeln.
5.) Der solidarische „Innenraum“ darf nicht nur Erfahrungs- und Beziehungsraum bleiben. Es stellen sich die Fragen des Zusammenhalts freier Individuen, der alternativen Vergesellschaftung, wenn wir nicht in Nischen verbleiben wollen (siehe These 11).
6.) Die Zweigleisigkeit besteht einerseits aus dem selbstorganisierten „Innenraum“, in dem Markt und Staat keinen Platz haben. Das andere Gleis ist eine möglichst sinnvolle Teilzeit-Erwerbsarbeit, die nicht nur zur finanziellen Reproduktion wichtig ist, sondern auch, um an den modernen Produktivkräften dranzubleiben und nicht im „Klein-klein“ zu versinken. Eine sinnvolle Teilzeit-Erwerbsarbeit finden wir auf Dauer nur, wenn wir uns intensiv über unsere Erfahrungen damit austauschen und uns Rückhalt geben – genauso wie im Feudalismus sich die Stadtbürger Rückhalt gaben: „Stadtluft macht frei“.
7.) Praktische Solidarität im Alltag basiert auch auf materiellen Voraussetzungen. Die Suche nach möglichst sinnvoller Teilzeit-Erwerbsarbeit kann so prekär und zermürbend sein, dass die praktische Solidarität wieder untergraben wird. Es ist daher wichtig, im selbstorganisierten Innenraum ein bedingungsloses Grundeinkommen zu organisieren, nicht als Ersatz der Teilzeit-Erwerbsarbeit, aber als Abfederung von Zeiten der Jobsuche und zur Stärkung des Selbstbewusstseins, nicht jeden Job annehmen zu müssen. Die politische Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle ist natürlich richtig und wichtig, sie wird aber innerhalb des Kapitalismus wohl kaum umgesetzt werden.
8.) Ein gesellschaftlicher Sektor, der sich allmählich von den Zwängen des Marktes ablöst, kann nur entstehen, wenn es moderne Robert Owens gibt, die die materiellen Mittel für ein internes bedingungsloses Grundeinkommen zur Verfügung stellen. Diese materiellen Mittel könnten aus der erfolgreichen Vermarktung der Humanisierung moderner Technologie entstehen. (Auch die Kaufleute in den Städten betrieben zunächst Handel mit dem Adel.) Ein Beispiel: YouTube ist mit der einfachen Idee gestartet, dass alle ihre Filme zur Verfügung stellen und die Filme anderer herunterladen können. Nach gut einem Jahr wurde daraus ein Unternehmen, dass für 1,6 Mrd. $ an Google verkauft wurde. Ein anderes Beispiel ist die Entwicklung von Ubuntu-Linux, einer Humanisierung moderner Technologie, die aus Afrika (!) kommt. Es gilt, solche Prozesse mit der Entwicklung solidarischer ökonomischer Zirkel zu koppeln und dennoch eine klare Trennung vorzunehmen: die Marktökonomie darf nicht in die solidarischen ökonomischen Zirkel Einzug halten.
9.) In Bremen haben wir eine ganze Reihe von Fehlern begangen und ausgewertet. Angefangen mit einer theoretischen Selbstverständigung, Aneignung vom frühen Marx, Geschichte der 1968er und deren kritischer Weiterentwicklung, Beteilgung an der 1988/89er Uni-Streikbewegung und Aufbaus einer Alternative Uni sind wir zunächst in die Theoriefalle getappt. Gesellschaftsveränderung lässt sich jedoch nicht schwerpunktmäßig über Bewusstsein erreichen, und ein reines Uni-Projekt verbleibt in der Jugendflause. Es folgte die Gründung der Bremer Commune, die mit einem sehr subsistenznahen Ansatz begann: Grundversorgung für 50 Menschen über eine Stadt-Land-Verbindung zu einem Bauernhof. Uns gelang es aber nicht, die unterschiedlichen Rhythmen von Stadt & Land zu vermitteln. Was blieb, ist sich in puncto Subsistenz regelmäßig zu aktivieren (über eine Parzelle und Bauernhof-Kontakte) uns sich über einen Lebensmittel-Laden und eine Solidargemeinschaftsküche (mit Differenzierung zwischen Grundversorgung & Konsum) zu versorgen. Das nächste Experiment war Technologie-orientiert: Oekonux ist ein internationales Projekt, dass die Erfahrungen mit freier Software und Linux zu einer Vision einer geld- und tauschwertfreien Ökonomie weiterentwickelt. Die Bremer Oekonux-AG war bundesweit wohl die einzige, die sich auch face-to-face und nicht nur virtuell traf. Dennoch gelang die Verbindung zur Praxis und zu den Nicht-Freaks nicht. Parallel haben wir immer auch überlegt, wie wir mit den hochentwickelten Konzepten zur Gesellschaftsveränderung Kontakt zur Bevölkerung bekommen können. Die Versuche reichten von Tauschringen, einem Bildungsverein (in der Tradition der Arbeiterbildungsvereine) über bis zu einem Umsonstladen – überall konnten wir relevante Bevölkerungsgruppen ansprechen. Jedoch verlor sich jedesmal die Qualität der tiefgreifenden Gesellschaftsveränderung in der Breite. Die nächste Station war attac, das jedoch inzwischen kaum noch für eine radikale Gesellschaftsveränderung steht, sondern fast nur noch Reformkonzepte entwickelt. Am dynamischsten und vielversprechendsten sind wohl die Sozialforen, die inzwischen auch auf lokaler Ebene existieren. Mit dem Schwung des zweiten Bremer Sozialforums konnten wir jüngst zu einer Gruppe kommen, die eine mittigere Position einnimmt: im Mittelpunkt soziale Kompetenz und Humanisierung, die dann Technologie, Subsistenz, Theorie/Konzeptentwicklung, Aktionsbeteiligung und basisdemokratische Organisation verbindet. Humanisierung von PC-Technologie heißt z.B., dass die Freaks lernen, von den Bedürfnissen der Nicht-Freaks auszugehen. Da die emanzipierte Nutzung eines Umsonstladens bereits soziale Kompetenz voraussetzt, haben wir diesen erstmal auf diejenigen beschränkt, die auch zu den Treffen kommen.
10.) Für die „sorgfältige Analyse, was Waren, Geld und Kapital eigentlich sind“, reichen unserer Erfahrung nach die Marxschen ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus. Die Lektüre des „Kapital“ birgt hingegen die Gefahren der Flucht vor der Praxis in die Theorie, der religiösen Dogmatisierung und des psychischen Absturzes. Ikonen wie Marx und Che Guevara dienen eher der rituellen Selbstvergewisserung. Gegen Dogmatisierung hilft eine Auseinandersetzung mit den philosophischen Wurzeln. Wichtig ist aber vor allem die Entwicklung einer Strategie zur Gesellschaftsveränderung (anhand der Auswertung bisheriger Versuche). Wirklich überzeugen können wir vor allem durch eine bessere Praxis.
11.) Der neue gemeinschaftlich-gesellschaftliche Zusammenhang beginnt zwar in kleinen Gruppen, die sich aber von vorherein als Bestandteil eines globalisierungskritischen Treffpunkts/Stadtteilzentrums begreifen und zudem einen globalen Horizont einnehmen, sich als Teil einer weltweiten Bewegung sehen sollten. Es gilt also, „weiche“ Themen wir emotionale Geborgenheit und Gruppendynamik mit „harten“ Themen wie Gesellschaftsveränderung, Kontakt zu modernen Produktivkräften, Entwicklung neuer Formen von Vergesellschaftung und demokratisches Wirtschaften zu koppeln. Ansonsten entwickeln sich nur postmoderne Zerfieselung und bedeutungslose Nischen. Eine besondere Rolle kommt hier dem Kontakt zu Projekten in Ländern des globalen Südens zu. Die Erkenntnis, dass die Kehrseite der materiellen Verelendung im globalen Süden die psychische Verelendung im globalen Norden ist, ermöglicht hoffentlich eine gleichberechtigte Zusammenarbeit.
12.) Ein städteübergreifendes Netzwerk haben wir jüngst auch im Bereich der lokalen Sozialforen mit aufgebaut (siehe www.lokale-sozialforen.de). Dort soll auch über solidarische Ökonomie diskutiert werden. Vielleicht ergeben sich Zusammenarbeitsmöglichkeiten?
Dezember 2006