Anfang März 1999 haben wir in Hamburg, als Teil einer Projektgemeinschaft gegenseitiger Hilfe den Umsonstladen eröffnet. Gleich in den ersten Wochen brachten uns Menschen viele Sachen, die sie für "zu schade zum Wegwerfen" hielten. Seit über neun Jahren sind die Öffnungszeiten gut besucht. Allmählich haben in Deutschland und Österreich über 30 Umsonstläden begonnen. Auch in den Niederlanden gab es parallel eine ähnliche Entwicklung. Immer noch sind welche in Gründung.
Die Funktion der Umsonstläden hat sich in den allermeisten Fällen als ein voller Erfolg erwiesen. Anders als bei den Tauschringen, wo über die Verrechnungseinheit der Tausch geldähnlich bleibt, sind hier Geben und Nehmen je nach den besonderen Bedürfnissen entkoppelt: "Wer braucht bekommt etwas, wer etwas über hat, bringt es." Selbstverständlich könnte sich auch aus Tauschringen ein darüber hinausgehender solidarischer Zusammenhang gegenseitiger Hilfen entwickeln. Nur ist das bisher aus Tauschringen und aus Umsonstläden heraus nur bei wenigen Ansätzen geschehen. Es haben nur sehr wenige Umsonstläden sich andere Teilprojekte im Verbund angegliedert. Sie haben sich nicht auf den Weg gemacht, über direkte gegenseitige Hilfen im Alltag eine neue Produktionsweise zu entwickeln. Trotz teilweise weitergehender Ansprüche sind sie DOCH eine Art "soziale Verteilstation" geworden, fest auf dem Boden der herkömmlichen Wirtschaftsweise.
Den Umsonstladen in Hamburg dachten wir uns aus als einen ersten Schritt einer praktischen Waren-kritik. Er sollte EIN möglicher Ansatz werden, aus den Fähigkeiten der sich aktivierenden Menschen eine Projektgemeinschaft aufzubauen, die ein Stück Erwerbsarbeit nach dem anderen durch verabredete und spontane gegenseitige Hilfen ersetzen sollte. Umsonstläden sollten als eine Basisbewegung in überregionalem Kontakt bleiben, Erfahrungen austauschen und Weiterentwicklungs-Möglichkeiten diskutieren. Deshalb initiierten wir auch die bundesweiten Umsonstläden - Treffen. Doch zwischen den Treffen sanken die Bezüge zwischen den aktiven Umsonstladen - Gruppen immer wieder fast auf Null.
Aus der Funktion eines Umsonstladens heraus gibt es zwei Rollen: Die vielen NutzerInnen bringen und holen Dinge, je nachdem ob sie über haben oder welche brauchen. Sie bleiben meist in einem losen, freundlichen Kontakt zu "ihrem" Umsonstladen. Ab und zu entschließen sich wenige Einzelne, selbst hier aktiv zu werden ...
Die zweite Rolle spielen die Aktiven. Sie organisieren den Laden, betreuen während der Öffnungszeiten die NutzerInnen. Sie räumen die vielen Dinge in die Regale, sie putzen und beseitigen Müll, geben Dinge zum Recycling u.s.w. Das Selbstverständnis dieser Aktiven ist natürlich von Ort zu Ort und auch innerhalb der Gruppen sehr verschieden. Obwohl die Umsonstladen - Tätigkeit von uns mehrheitlich anfangs keinesfalls als "ehrenamtlicher" Sozialdienst an den Nutzern gesehen wurde, sondern eher als eine "Hilfe zur Selbsthilfe", hat auch bei uns das ein Teil der Aktiven so begriffen. Das Verständnis vom "Ehrenamt" wird ja auch vielfach als Erwartungshaltung von NutzerInnen an die Aktiven herangetragen, wenn sie sich zum Beispiel nicht umfassend genug "bedient" fühlen und das hier und da auch "vorwurfsvoll" äußern. Zum "Ehrenamt" gehört auch, dass die vermeintlichen Ehrenamtler, sich nichts von den gebrachten Sachen für sich nehmen "dürfen". Denn diese Sachen sind ja in dem vorherrschenden Verständnis "für die Bedürftigen". Ein "ehrenamts" - ähnliches Vorverständnis mancher Aktiven und entsprechender Erwartungsdruck eines größeren Teils der NutzerInnen sind immer wieder eine Allianz eingegangen. Es gibt inzwischen Umsonstläden, die verstehen sich als eine ehrenamtliche "Dinge-Verteilstation" für "Bedürftige".
Diese Gruppen wollen meist überhaupt keinen Kontakt zu den anderen Umsonstläden. Das soll kein "Wert"urteil sein. Aber es ist m.E. eben nicht das, was Umsonst-läden sein könnten. Diese Leute haben sich die Umsonstladen-Idee genommen und damit etwas anderes gemacht... Aber alle Umsonstläden haben das Problem, mit dem teilweise massiv vorhandenen Erwartungsdruck in Richtung "ehrenamtliche Einrichtung" einen kreativen Umgang zu finden.
Der Ausdruck "Laden" im Umsonstladen war von Anfang an als praktisch-ironische Wertkritik gemeint: Ein Laden, in dem die Dinge "umsonst" gegeben werden, ist ja kein Laden. Der Witz war und ist: Es soll ja auch kein Laden sein, sondern einfach ein "LAGER von nützlichen Dingen". So erscheint ein Umsonstladen als praktischer Vorgriff auf eine Gesellschaft, die verabredet gemeinschaftlich produziert hat und dann natürlich "Dingeverteilstationen" braucht und keinen Markt oder Läden..
Vielleicht gibt es in einigen Gruppen noch eine recht vage Vorstellung davon, was das Wort "umsonst" im Umsonstladen bedeuten könnte. Hier und da wird verständlicherweise versucht, aus den Stichworten "umsonst", oder "gratis" oder "schenken" eine Wirtschaftsweise abzuleiten.
Die beiden Ausdrücke "umsonst" und "gratis" geben überhaupt nur einen Sinn innerhalb einer Gesellschaft, in der der Waren- und Geldwert vorherrscht. Denn sie bedeuten, dass eben mal für Dinge kein Geld ausgeben werden muss, wie sonst überall. Das ist auch ein praktisch wohltuender "Nachdenk-Kick": Manch eine (r) merkt, wie unnatürlich, dieses "Werthaben" aller Dinge ist. Der Waren- und Geldwert wird im Umsonstladen als keineswegs zwingend nötig erfahren. Aber warum haben denn fast alle Dinge in dieser Gesellschaft "Wert"? Sie sind losgelöst voneinander, völlig ohne gemeinsame vorausgehende Verabredungen, privat produziert worden. Diese Privatproduktion hat sich durchgesetzt. Meist wird Geld als Kapital eingesetzt, um menschliche Arbeitskraft einzusaugen und sich dadurch zu vermehren. Weil die Dinge als Waren privat hergestellt wurden, müssen sie auf den Markt gebracht werden. Um ihre gesellschaftliche Nützlichkeit beweisen, müssen sie vorher als Warenwerte auf dem Markte gegen Geld ausgetauscht werden. Wenn die Produktion nicht gemeinschaftlich verabredet in Bezug auf die Bedürfnisse der Beteiligten gelaufen ist, muss auf dem Markt der Wert den unpersönlichen Regulator spielen (mit all den sich inzwischen als problematisch zeigenden Begleiterscheinungen, zum Beispiel bezogen auf das aktuelle Erdklimaproblem).
"Umsonstökonomie" oder "Gratisökonomie" legt nahe, dass es eine Wirtschaft geben könnte, in denen Menschen sich alle nötigen Dinge direkt geben, ohne sich dafür zu verabreden (sozusagen "spontan"). Das KANN nur punktuell funktionieren, vielleicht als zusätzliche Erfreulichkeit zwischen einzelnen Menschen. Aber der Zusammenhang von Produktion (Herstellung der Dinge und Dienste) und Konsumtion (Ge- und Verbrauch) kann nur über den Markt oder direkt bewusst verabredet laufen, aber nicht "irgendwie". Weil wir als Teil der "Warenwelt" es so gewohnt sind, dass der meiste Austausch von Gütern und Diensten sich ohne direkte Verabredungen über den Markt reguliert, besteht verständlicherweise auch bei Umsonstladen-Aktiven die Neigung, sich gerne ab und zu gegenseitig etwas umsonst oder gratis zu geben. Aber es besteht ebenfalls zunächst eine starke Abneigung dagegen, sich dazu auch direkt zu verabreden, um einen Teil der Sachen gezielt für die Gemeinschaft herzustellen.
Eine "Gratis- oder Umsonstökonomie" kann es nicht geben, es sei denn es wird geklärt, wie die Herstellung der Dinge laufen soll... Läuft diese Herstellung privat, ist der Wertausdruck auf dem Markt nötig. Läuft sie verabredet unter den Beteiligten, werden die Dinge einfach verteilt, je nach den individuellen Bedürfnissen. Der Ausdruck gratis oder umsonst macht dann keinen anderen Sinn mehr, als einen rückblickenden auf die Warenwelt ...
Etwas anders verhält es sich mit dem Schenken. Diese Tätigkeit gab es nachweislich schon vor Beginn der einfachen Warenproduktion, also seit Tausenden von Jahren. Eine Vorstufe zur einfachen Warenproduktion war häufig der Geschenktausch oder Potlasch. (Vergleiche den spannenden Klassiker "Die Gabe", Paris 1923, von Marcel Mauss, in dem allerdings viel über Austausch, fast nichts über die Produktionsweisen früher Gesellschaften steht.) Jedoch hat das Schenken in jeder Gesellschaft eine unterschiedliche Rolle gespielt. Die persönliche GABE als Ausdruck von Zuneigung, Wertschätzung und Gastfreundschaft spielt gerade in der Gegenwart, in der fast alles zur Ware geworden ist, weiterhin eine bedeutende Rolle. Das Schenken ist auch heute ein Zeichen praktischer Menschlichkeit. Aber das Schenken begründet ebenfalls noch keine neue, verabredete Wirtschaftsweise. Es öffnet sich noch unbestimmt vielleicht in diese Richtung. Ein Umsonstladen als "Schenk-Ort" und "Dinge-Lager" schafft zwar Raum für das Nachdenken darüber, welche Art Wirtschaften wir eigentlich wollen. Aber wenn das nicht geschieht und ausprobiert wird, wird sich auch ein Umsonstladen allmählich wieder vollständig an die ihn umgebende kapitalistische Warenwelt anpassen. EIN wirksames Mittel gegen diesen Anpassungsdruck ist das regelmäßige gemeinsame Gespräch in und zwischen den Gruppen. Deshalb war es beunruhigend, dass die Kontakte zwischen den Gruppen zeitweise stark zurückgegangen waren! Ein andere Aktion gegen die Alltagsroutine könnte eine "Fiesta-Umsonst - ROCK die Ware" sein, in der die Aktivitäten der gesamten Gruppe mit einigen anderen "nicht-kommerziellen" Initiativen zusammenwirken ...
In vielen Umsonstläden ist der Gedanke bisher nicht verwirklicht worden. die gegenseitigen Hilfen der Aktiven mit weiteren Teilprojekten zu erweitern. Zumindest haben sie, ähnlich wie in Hamburg auch, Schwierigkeiten, Leute zu finden, die die Initiative für ein neues Teilprojekt ergreifen können.
Ein erster Schritt wäre für manche Gruppe, deutlicher zu trennen: Was mache ich für die Nutzerinnen und Nutzer, sozusagen aus Gastfreundschaft? Was mache ich darüber hinaus bewusst für die anderen Aktiven? Erst wenn die gegenseitige Hilfe zum überwiegenden Zweck der Gesamtveranstaltung geworden ist, kann ein Keim von bewusstem, verabredetem Wirtschaften entstehen, also etwas grundsätzlich Neues. Wenn die vielen NutzerInnen alles genauso "umsonst" gekommen, wie die Aktiven, wird es überhaupt nicht attraktiver, in der Gruppe aktiv zu werden. Die Beziehungen in der Gruppe bleiben in einem praktischen Sinne unverbindlich und reichen nur so weit, wie die persönlichen Freundschaften untereinander. In Hamburg helfen unsere Listen der Bedürfnisse", das gegenseitige Geben etwas systematischer zu gestalten.
Die Bereiche der gegenseitigen Hilfe innerhalb der Umsonstläden, Projektgemeinschaften, Kommunen usw. können sich nur stärken, wenn sie sorgfältig als Erfahrungsraum von den nach außen noch notwen-digen Marktbeziehungen getrennt werden. Durch eine praktische Zusammenarbeit mit ähnlichen Gruppen im jeweiligen Nahbereich könnte eine zusätzliche Stärkung dieses Wirtschaftens erreicht werden.
Wenn wir ein paar Schritte gehen wollen in Richtung eines verabredeten Wirtschaftens, wird uns schmerzlich bewusster, dass uns fast alle "Produktionsmittel" vollständig entzogen sind. Sie sind in der Hand des Kapitals, wo sie als Mittel dienen, aus Geld mehr Geld zu machen und nebenseitig bestimmte Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen, die dabei auch noch im Sinne dieser wertorientierten Produktionsweise geformt werden.
Auch fehlen einer zusammengewürfelten Kleingruppe, die "anders" wirtschaften möchte, die meisten von zusammenpassenden Fähigkeiten, einen komplexen Produktionsprozess für die eigenen Bedürfnisse zu verwirklichen. Einige haben auch gar keine Zeit dazu, weil sie in hohem Grade von der noch existenz-notwendigen Erwerbsarbeit "aufgesogen" werden.
Was aber auch fehlt ist die Fähigkeit, aus den jeweils gegebenen Möglichkeiten heraus verabredet gut zusammenzuarbeiten. Doch gerade diese Fähigkeiten guter Zusammenarbeit können wir uns über eine paar Jahre Zusammenarbeit im Umsonstladen oder einem ähnlichen Projekt sehr wohl gegenseitig vermitteln. Dann hängt vieles daran, ob wir dann bereit und fähig sind einen weiteren Schritt zusammen zu wagen.
Wenn uns auch die Produktion gründlich entzogen ist, so können wir unsere Ansätze doch bedeutend kräftigen durch die Ausbreitung von Reparatur - Fähigkeiten in unseren Gruppen. Diesen Weg haben ein paar Leute in Hamburg versucht zu gehen. Wir haben die Erfahrungen mit unserer Fahrrad - Selbsthilfe - Werkstatt. Das sind nur zwei Leute. Aber das Projekt funktioniert überwiegend gut. Jetzt entwickeln wir (auch als Teil unserer Projektgemeinschaft) eine Stadtteil - Reparatur - Werkstatt "Schrott wird flott". Bisher gibt es zwei Aktive und noch jemand von außen, die so ein Projekt machen wollen. In den Bereichen Reparatur von einfachen Elektrogeräten und Lampen, Holz und Metall soll eine Werkstatt von den AnwohnerInnen gegen Spende zur Deckung unserer Kosten nutzbar sein. Für die Aktiven soll, wie in unserer Fahrrad-Werkstatt, eine Hilfe zur Selbsthilfe umsonst sein.
Die Ausbreitung von Reparaturfähigkeiten könnte als nächsten Schritt eine einfache Produktion ermöglichen, die teilweise auf den Markt und teilweise für den eigenen Bedarf läuft. Andere Projektgemeinschaften beginnen mit einem Gemüsegarten mit und für die Aktiven. Aber auch hier bleibt die Aufgabe, einen praktischen, verbindlich-verabredeten gegenseitigen Unterstützungszusammenhang aufzubauen. Über welche Teilprojekte das läuft ist letztlich zweitranig, wenn es nur Aktivitäten sind, die den Neigungen der Beteiligten entsprechen. Dann müssen sie "nur" noch die trotzdem dabei anfallenden notwendigen, nicht so beliebten Arbeiten so gerecht wie möglich untereinander verteilen ...
Auch ein selbstorganisiertes Basis-Bildungsprojekt (wie die "Freie Uni" Hamburg) kann helfen, zunächst einmal nachdenkliche, kritische Menschen zu sammeln, die dann überlegen können, was sie eigentlich wollen.
Kritik herzlich willkommen ! H.K.